4. Oktober 2016

Mercedes-Lkw-Chef Stefan Buchner «Für Fernlastverkehr ist Dieseltechnologie optimalste Lösung»

Mercedes-Lkw-Chef Stefan Buchner
Mercedes-Lkw-Chef Stefan Buchner © Mercedes

Die Digitalisierung im Lkw-Bereich schreitet mit schnellen Schritten voran. Im Interview mit der Autogazette spricht Stefan Buchner, Chef von Mercedes-Lkw, über die Veränderungen in der Branche sowie die strengen Vorschriften bei der Ermittlung der CO2-Emissionen.




Für Stefan Buchner bleibt ist die ausgereifte Dieseltechnologie für den Fernlastverkehr die optimalste Lösung. «Beim Verbrauch und CO2-Emissionen ist der Diesel dank effizienter Abgasreinigung das Optimum», sagte der Chef von Mercedes Lkw im Interview mit der Autogazette.

«Es gibt auch keinen Anlass, aus der Diskussion um den Pkw eine Diskussion um den Lkw abzuleiten. Im Lkw-Bereich werden die Emissionen im realen Fahrzeugbetrieb gemessen.» Zwar könnten mit dem Einsatz von Erdgas weiter Emissionen eingespart werden, doch die noch fehlende Infrastruktur verhindere derzeit einen Durchbruch.


«Berufsfeld des Kraftfahrers wird spannender»

Dagegen werde der Durchbruch bei der Digitalisierung forciert. Die Fahrzeuge werden sicherer und sind effizienter unterwegs. Auf dem Weg zum autonomen Fahren würde sich dabei auch das Berufsbild der Kraftfahrer ändern, was Buchner außerordentlich begrüßt.

«Den Kapitän der Landstraße wird es auch weiterhin geben, aber sicherlich mit anderen Aufgaben und Arbeitsinhalten. Und beim Kapitän gibt es mehrere Dienstgrade, man kann also auch aufsteigen. Das Berufsfeld wird durch neue Technologien und Arbeitsinhalte attraktiver und spannender. Das ist ein wichtiger Punkt, um den Fahrermangel anzugehen.»

«Lkw in Form von Hardware reicht nicht mehr aus»

Mercedes Vision Van (vorn) und Urban eTruck
Mercedes Vision Van (vorn) und Urban eTruck © AG/Flehmer

Autogazette: Herr Buchner, der Daimler-Stand auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover hätte auch bereits ein halbes Jahr früher auf der Cebit eine gute Figur abgeben . . .

Stefan Buchner: Das Thema Digitalisierung stand im Mittelpunkt der IAA Nutzfahrzeuge. Wir von Mercedes-Benz Trucks sind überzeugt, dass es in Zukunft nicht mehr ausreichen wird, nur noch einen perfekten Lkw in Form von Hardware – um in der Sprache zu bleiben – zu entwickeln und unseren Kunden anzubieten. Wir brauchen auch die passenden digitalen Lösungen, sowohl für das Fahrzeug als auch für die gesamte Logistik-Branche.

Autogazette: Stirbt der Kapitän der Landstraße aus?

Buchner: Das würde ich nicht sagen. Den Kapitän der Landstraße wird es auch weiterhin geben, aber sicherlich mit anderen Aufgaben und Arbeitsinhalten. Und beim Kapitän gibt es mehrere Dienstgrade, man kann also auch aufsteigen. Das Berufsfeld wird durch neue Technologien und Arbeitsinhalte attraktiver und spannender. Das ist ein wichtiger Punkt, um den Fahrermangel anzugehen.

Autogazette: Die neuen Techniken werden also zu einem neuen Zulauf zum Berufskraftfahrer führen?

Buchner: Es kann dazu führen, dass wir zumindest dem gravierenden Fahrermangel der letzten Jahre etwas entgegen wirken können. Viele Unternehmen und Verbände bemühen sich, dieses Problem anzugehen, bisher allerdings ohne nachhaltige Wirkung. Und das ist nicht nur in Deutschland und Europa eine Herausforderung, sondern weltweit.

«Daten gewinnbringend interpretieren»

Das Berufsbild des Kraftfahrers wird sich ändern
Das Berufsbild des Kraftfahrers wird sich ändern © Mercedes

Autogazette: Auch für die Unternehmen selbst bietet Daimler neue Lösungen wie Uptime an . . .

Buchner: Mercedes-Benz Uptime bringt den Unternehmen eine noch höhere Verfügbarkeit unserer Fahrzeuge. Es trägt dazu bei, die Effektivität und die Effizienz bei den Unternehmen weiter zu steigern. Dazu nutzen wir Möglichkeiten, die es vorher noch gar nicht gab und die wir als einzige in diesem Umfang den Kunden anbieten können. Wir haben über 400 Sensoren im Fahrzeug installiert. Über die letzten drei Jahre haben wir ein Pilotprojekt mit 16 Flotten und 1400 Fahrzeugen sowie einer unglaublich hohen Anzahl von Millionen von Kilometern durchgeführt. Auf Basis dieser Probephase können wir Mercedes-Benz Uptime jetzt allen unseren Kunden anbieten. Die große Kunst dabei ist es, nicht nur die Daten zu haben, sondern vor allem, sie gewinnbringend zu interpretieren.

Autogazette: Befürchten Sie nicht, dass die Datenschützer sich melden werden?

Buchner: Ich kann nur sagen, die Daimler AG verbindet mit ihren Produkten und den damit verbundenen Daten ein sehr hohes Maß an Sicherheit und Sensibilität. Für uns zählen dabei die höchsten Standards. Und selbstverständlich geben wir die Daten unserer Kunden nicht weiter.

«Keine Auswirkungen im Lkw-Bereich durch Abgas-Skandal»

Mercedes setzt für den Stadtverkehr auch Erdgas-Lkw ein
Mercedes setzt für den Stadtverkehr auch Erdgas-Lkw ein © Mercedes-Lkw

Autogazette: Der Diesel steht im Pkw-Bereich durch den Abgas-Skandal in der Kritik. In wie weit gefährdet diese Diskussion die Zukunft der Nutzfahrzeugbranche, die ja hauptsächlich auf diesen Treibstoff setzt?

Buchner: Im Lkw-Bereich sehen wir keine Auswirkungen. Es gibt auch keinen Anlass, aus der Diskussion um den Pkw eine Diskussion um den Lkw abzuleiten. Im Lkw-Bereich werden die Emissionen im realen Fahrzeugbetrieb gemessen. Seit der Euro VI Einführung gibt es die Regelung, dass bei Lkw ab 16 Tonnen nach sieben Jahren und 700.000 Kilometern ein Nachweis zur Einhaltung der Emissionen im Fahrbetrieb erbracht werden muss. Lkw-Emissionen werden beim LKW also bereits im realen Fahrzeugbetrieb gemessen – und zwar durch entsprechende Stichproben von Kundenfahrzeugen. Eine ähnliche Regelung gibt es auch für kleinere Lkw, also Fahrzeuge, die leichter als 16 Tonnen sind. Hier besteht die Nachweispflicht über 300.000 Kilometer und sechs Jahre Nutzungsdauer.

Autogazette: Mercedes-Benz Trucks bietet mit dem Econic auch Erdgas-Lkw an. Wäre das nicht von vornherein die saubere Lösung?

Buchner: Für den Fernlastverkehr ist die heutige ausgereifte Dieseltechnologie sicher die optimalste für unsere Kunden. Beim Verbrauch und CO2-Emissionen ist der Diesel dank effizienter Abgasreinigung das Optimum. Mit einem Gasantrieb können etwa bis zu 20 Prozent Einsparungen beim CO2-Ausstoß eingefahren werden. Der große Nachteil ist die Infrastruktur vor allem für den Fernverkehr – diese ist heute noch nicht vorhanden.

Das Interview mit Stefan Buchner führte Thomas Flehmer



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