Mercedes-Maybach: Leisetreter im Luxussegment

Benchmark bei Aeroakustik

Der Mercedes-Maybach im Aeroakustik-Windkanal in Sindelfingen.
Der Mercedes-Maybach im Aeroakustik-Windkanal in Sindelfingen. © Daimler

Wer für ein Auto so viel Geld ausgibt, wie andere für eine Eigentumswohnung, der hat besondere Ansprüche. Nicht nur an die Leistung, sondern vor allem an den Komfort – und damit an das Geräuschniveau. Darauf wurde beim Mercedes-Maybach besonderer Wert gelegt.

Von Frank Mertens

Mercedes wirbt selbstbewusst mit dem Markenclaim „Das Beste oder nichts“. Wer derart von sich und seinen Autos überzeugt ist, der muss seinen Kunden mehr bieten als der Wettbewerb. Er muss im jeweiligen Fahrzeugsegment Benchmarks setzen.

Das versuchen die Schwaben bereits seit Längerem beispielsweise bei der Aerodynamik. Hier ist es erklärtes Ziel der Verantwortlichen, mit jedem neuen Modell den Luftwiderstandswert weiter zu reduzieren. Bislang ist das gelungen.
So kommt der Mercedes CLA 180 BlueEfficiency auf einen Cw-Wert von 0,22. Damit ist das Kompakt-Coupé windschnittiger als jedes andere Serienfahrzeug auf dem Markt. Aber auch das Flaggschiff der Schwaben, die S-Klasse, konnte in ihrem Segment mit einem Cw-Wert von 0,23 beim S 300 BlueTec Hybrid einen neuen Bestwert setzen.

Verlangen nach Exklusivität

Nun schicken die Stuttgarter ihr neustes Modell auf den Markt, den
Mercedes-Maybach
. Mit ihrer nach AMG zweiten Submarke will Mercedes die Superreichen ansprechen. Kunden also, die sonst Autos wie Rolls-Royce oder Bentley auf der Einkaufsliste haben und damit mal locker so viel Geld auf den Tisch des Händlers legen, wie Otto-Normalverbraucher vor dem Immobilienhype für eine Eigentumswohnung bezahlt hat.

Mit Blick auf den Mercedes Maybach S 500 bedeutet das, dass mindestens 134.000 Euro fällig werden, für den S 600 beginnt die Preisliste bei rund 188.000 Euro, exklusive Chauffeur versteht sich. Dessen Gehalt – in einem Mercedes-Maybach fährt man schließlich nicht selbst – muss man dann aus der Portokasse auch noch monatlich begleichen. Wer sich seinen Anspruch nach Exklusivität so viel kosten lässt, der gibt sich dann auch ganz im Sinne von Oscar Wilde („Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer nur mit dem Besten zufrieden“) nur mit dem Besten zufrieden. Das bedeutet mit Blick auf den Mercedes-Maybach dann nicht nur einen Cw-Wert von 0,27 (er ist damit identisch mit dem des „normalen“ Mercedes S 500), sondern auch eine herausragende Aeroakustik.

Leiseste Serienlimousine

Kunstkopf Mercedes Aeroakustik
Mit diesen Kunstköpfen wird das Geräuschniveau gemessen Daimler

So soll der Mercedes-Maybach im Fond nach Angaben des Unternehmens die derzeit leiseste Serienlimousine der Welt sein. „Wir sind hier sogar leiser als britische Wettbewerber“, sagt Teddy Woll, der bei Daimler die Aerodynamik verantwortet. Den Namen Rolls-Royce nimmt er dabei nicht in den Mund.

Zahlen wie beim Cw-Wert verrät Woll mit Blick auf die Innenraumgeräusche nicht, verweist nur auf durchgeführte Tests im Aeroakustik-Windkanal in Sindelfingen. Dort seien die mit Kunstköpfen ausgestatteten Modelle der Wettbewerber auf die Geräuschentwicklung ausgiebig getestet worden, “sodass wir entsprechend genaue Benchmarkwerte erzielen konnten“. Um seine Aussagen zu unterstreichen, lädt Woll zu einem Hörtest. Nach dem Aufsetzen der Kopfhörer spielt er zunächst die Innenraumgeräusche des Mercedes-Maybach ein und dann die eines Rolls-Royce und die des Bentley Flying Spur, wie man an den Silhouetten dieser Modelle an einer Schautafel erkennt.

Auch ohne Kennzahlen erkennt man bei diesem Hörtest, dass der Mercedes-Maybach deutlich leiser als die Vergleichsmodelle im Fond ist. „Uns ist es sogar gelungen, ihn noch etwas leiserer als das S-Klasse-Coupé zu machen, dass bereits leiser als die normale S-Klasse war“, berichtet Woll. „Nicht nur der geschulte Zuhörer merkt, wie leise der Maybach ist – und das nicht nur beim Umstieg aus einem anderen Fahrzeug. Man merkt das geringe Geräuschniveau beim Unterhalten, beim Musikhören, beim Telefonieren. Das ist schon eine Klasse für sich.“

Dreiecksfenster fest eingeklebt

Mercedes-Maybach
Ruhe im Fond des Mercedes-Maybach Daimler

Dieses niedrige Windgeräuschniveau wurde durch eine Vielzahl von Maßnahmen erreicht, dazu gehören unter anderem spezielle Dichtungen. So seien nicht nur die Dreiecksfenster an der C-Säule fest eingeklebt worden, sondern es gibt auch eine Weiterentwicklung an der äußersten Ebene der drei Türdichtungen. Statt der üblichen Lippendichtung kommt hier nun ein neues Schlauchprofil zum Einsatz, „das die Fuge zwischen Tür und Seitenwand jetzt noch besser abdichtet“.
Daneben seien mit Blick auf die Liegeposition an der Hutablage und der Rückwand zum Kofferraum weitere Abdämpfungen vorgenommen worden. „Hier ging es um das Reifen-Fahrbahngeräusch, das noch weiter reduziert wurde. Ferner haben wir einen gekapselten Gurtaufroller entwickelt.“

Dass man im Aeroakustik-Windkanal in Sindelfingen so viele Mühen auf die Geräuschdämmung gesetzt habe, liege schlicht daran, dass das „Thema Innenraumgeräusch stark wettbewerbsdifferenzierend“ sei. „Es ist vom Kunden erlebbar“, so Woll. Einen verbesserten Wert bei der Aerodynamik erlebe man dagegen nur indirekt, nämlich an der Tankstelle. „Das Thema Geräusch erleben sie ständig, tagtäglich. Und ein zu hohes Geräuschniveau nervt.“

Wie Woll sagt, hätte man beim Mercedes-Maybach mit Blick auf die Aerodynamik kein großes Verbesserungspotenzial bestanden. „Hätten wir etwas gehabt, hätten wir es schon bei der S-Klasse optimiert. Aber es gab nichts.“

Doch wer bereit ist, durchschnittlich deutlich mehr als 200.000 Euro samt einiger Nettigkeiten für ein Auto wie den Mercedes-Maybach auszugeben, dem dürfte ein Mehrverbrauch von einem zehntel Liter auf 100 Kilometer nicht wirklich wichtig sein.

Vorheriger ArtikelPeugeot RCZ nur noch auf oberem Level
Nächster ArtikelKia frischt Kleine auf
Nach dem Sport- und Publizistikstudium hat er sein Handwerk in einer Nachrichtenagentur (ddp/ADN) gelernt. Danach war er Sportjournalist und hat drei Olympische Spiele (Sydney, Salt Lake City, Athen) als Berichterstatter begleitet. Bereits damals interessierten ihn mehr die Hintergründe als das bloße Ergebnis. Seit 2005 berichtet er über die Autobranche. Neben der Autogazette verantwortet er auch das Magazin electrified.