16. Juni 2017

Polarisierendes Bike KTM 1290 Super Duke GT: Liebe auf den zweiten Blick

Der KTM 1290 Super Duke GT sollte man eine Chance geben.
Der KTM 1290 Super Duke GT sollte man eine Chance geben. © KTM

Schön muss man die KTM 1290 Super Duke GT nicht finden. Denn mit ihrem Design polarisiert dieses Bike. Doch abseits von ihrem Aussehen bringt die Super Duke eine Vielzahl von Stärken mit, wie unser Fahrbericht zeigt.




KTM ist bekannt für alles Mögliche, nur nicht für brave Alltags- und Tourenmotorräder. Ein solches ist die 1290 Super Duke GT denn auch sicherlich nicht, gleichwohl haben die Österreicher es hier verstanden, ihrem mächtigen Vau-Zwo ein neues Einsatzgebiet zu verschaffen: Für 17.995 Euro tourt die GT-Variante äußerst sportlich über Alpenpässe wie Autobahnen.

Natürlich kommt die 1290 Super Duke GT im klassischen Design daher, dass seit jeher eine KTM von allen anderen Motorrädern unterscheidet – einzigartig, spektakulär, kurzum: polarisierend. Der insektengleiche Scheinwerfer, die kantigen Plastikteile, das gedrungene, puristische Ganze – das muss man schon mögen.


Sitzposition passt nur für größere Fahrer

Oder sich unbeeindruckt einfach in den zweigeteilten Sattel schwingen, der gut erreichbar in einer Höhe platziert ist, die nur größeren Staturen beidbeinigen satten Bodenkontakt erlaubt. Rollt die orangene Macht aber und haben die Stiefel ihren Platz auf den sportlichen Leichtmetallrasten gefunden, ergibt sich eine sehr innige Verbindung zum schmalen Motorrad mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und moderaten Kniewinkeln. Die Haltung taugt zum Angasen über kurvige Gebirgsstrecken ebenso wie zum Kilometer abspulen auf der Autobahn. Für letzteres verfügt die GT über ein manuell auch während der Fahrt höhenverstellbares Windschild – bedenkt man, dass Windschutz bei KTM bislang nie ein Thema war, funktioniert das erstaunlich gut. Wenig Winddruck, wenig Verwirbelungen, aber relativ laut – wer länger reist, trägt sowieso Ohrstöpsel.

Auch dann dringt das hämmernde Bollern des großen Vau-Zwo-Motors bis zum Piloten durch und vermittelt ihm die schiere Kraft aus 1.301 Kubikzentimeter Hubraum. Der 75-Grad-Vau serviert seinen Druck von 144 Newtonmeter Drehmoment und das Leistungsmaximum von 173 PS sehr kultiviert, verglichen zur Schwester 1290 Super Duke R, dem „Beast“, macht ihn eine neue Abstimmung deutlich umgänglicher und kontrollierbarer. Einmal losgelassen, zeigt der Antrieb ein breites nutzbares Drehzahlband und guten Schub aus dem Keller, obwohl er niedertourig zu unangenehmen Vibrationen neigt. Doch vor allem der Druck in der Mitte macht diesen Vau-Zwo unwiderstehlich, ohne dass ihm die Drehfreude oben herum abgeht.

Weich lässt er sich ans Gas nehmen, dabei exakt dosieren – noch mehr Charakter-Feinschliff bescheren drei Fahr-Modi: „Street“ und „Sport“ mit maximaler Leistung und entsprechendem Leistungseinsatz sowie „Rain“ mit maximal 100 PS und sanftem Ansprechen, was den Kraftprotz spürbar zähmt. Damit ist die schräglagenabhängige Traktionskontrolle MTC kombiniert, die unterschiedlich viel Antriebsschlupf zulässt und darüber Wheelies einbremst. Die geniale Fahrdynamik hält leider nicht ewig an, der stattliche Verbrauch von über sechs Litern begrenzt trotz des großen 23-l-Tanks die Reichweite.

Mit semiaktiver Dämpfungssteuerung

Die KTM bietet gute Fahreigenschaften
Die KTM bietet gute Fahreigenschaften © KTM

Den edlen Antrieb hat KTM in ein Fahrwerk mit allen Schikanen gesteckt: Die Grundabstimmung von Telegabel wie Federbein lässt sich über einen Schalter am Lenker anwählen, „Comfort“, „Street“ und „Sport“ stehen zur Verfügung. Doch erst die semiaktive Dämpfungssteuerung in Echtzeit und abhängig von Untergrund und Fahrzustand holt das Beste aus der KTM heraus: Egal, ob Kopfsteinpflaster oder Rennstreckenasphalt, die GT agiert mit einer unwahrscheinlichen Sensibilität. Imponierend über allem die Präzision und Stabilität, mit der sich die Österreicherin in die Ecken wirft und dem Piloten bei allem Komfort ein glasklares Feedback vermittelt. Übertrieben handlich fährt sich die 231 Kilo schwere GT nicht, doch das unerschütterliche Vertrauen und die enorme Schräglagenfreiheit machen diesen kleinen Nachteil mehr als wett. Oben drauf kommen die brachialen Festsattelzangen mit den beiden 32er-Scheiben, die punktgenau dosierbar und hocheffektiv verzögern. Selbstverständlich mit einer Kurven-ABS-Funktion veredelt, das eine Supermoto-Einstellung mit deaktivierter Hinterrad-Regelung und Komplettabschaltung bietet.

Zur weiteren Ausstattung zählen ein schräglagenabhängiges Kurvenlicht in LED-Technik, ein Schaltautomat und Tempomat sowie Heizgriffe, die Koffer jedoch nicht. Hier empfiehlt sich das Touring Package für 1.170 Euro, das neben den flink angebrachten Koffern – die kaum sichtbaren Halterungen sind bereits vorhanden – eine Ergo-Sitzbank und den GPS-Halter umfasst. Die Seitenkoffer selbst sind allerdings stark zerklüftet und nicht besonders schluckfreudig.

Wenn beim Motorradkauf der erste Eindruck der entscheidende ist, sollte man sich bei der KTM 1290 Super Duke GT im Zweifelsfalle einen zweiten Blick respektive eine Probefahrt zugestehen. Denn die großzügig ausgestattete GT hängt mit ihrem potenten Motor, dem fantastischen Fahrverhalten und dem breiten Einsatzbereich die Latte für das Sporttouring-Segment um einiges höher. (SP-X)



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