4. Oktober 2012

Ab 1. November Holpriger Start für das Reifenlabel

Das Bremsverhalten auf nasser Fahrbahn wird getestet.
Das Bremsverhalten auf nasser Fahrbahn wird getestet. ©

Am 1. November tritt das neue Reifenlabel in Kraft. Die Verordnung soll den Verbrauchern mehr Transparenz beim Reifenkauf bieten, greift in ihren Anfängen aber noch zu kurz.




Von Thomas Flehmer

Gerne wird die so genannte "weiße Ware" zum Vorbild genommen. Denn ähnlich wie bei Kühlschränken oder Waschmaschinen müssen ab dem 1. November auch neue Autoreifen gekennzeichnet werden. "Es ist eine Orientierungshilfe für Verbraucher, aber nur ein Teilaspekt der Reifenkriterien wird dabei berücksichtigt", sagt Rainer Landwehr, Geschäftsführer Goodyear Dunlop Dach (Deutschland, Österreich, Schweiz) beim Winterreifen-Workshop des Unternehmens.


Drei Kriterien für Reifenlabel maßgeblich

Über drei Kriterien klärt das neue Label auf. "Die Wirtschaftlichkeit wird über die Kraftstoffeffizienz durch den Rollwiderstand ermittelt, die Sicherheit durch das Bremsen auf nasser Straße. Beim Umweltaspekt wird das externe Rollgeräusch in Dezibel gemessen", so Landwehr weiter. Nach dem Messungen werden die Reifen dann zwischen A und G eingestuft, wobei A das Beste zu erzielende Ergebnis ist.

Die drei Anhaltspunkte geben den Verbrauchern eine erste Übersicht, die Auswahl ist aber beschränkt. "Die Verordnung greift nicht bei Fahrstabilität, Aquaplaning, Handling, Trockenbremsen, Seitenführung oder Verschleiß und Komfort", sagt Helmut Kraft vom Bundeswirtschaftsministerium, "es kann aber sein, dass diese Punkte später in die Verordnung aufgenommen werden – allerdings nicht vor 2016, wenn die zweite Verordnungsphase anläuft", so Bernd Löwenhaupt.

Winterreifen im Nachteil

Das Fahr-Verhalten auf nasser Straße wird ermittelt.
Das Fahr-Verhalten auf nasser Straße wird ermittelt. © Goodyear

Der Entwicklungsdirektor von Goodyear Dunlop spricht von "deutlich mehr als 50 Kriterien", denen sich neue Reifen bei der Entwicklung und Produktion unterziehen müssen, ehe die Serie anläuft. Löwenhaupt ist über die Einsetzung der Verordnung nicht ganz glücklich. Zum einen sei ein Anfang gemacht, zum anderen fehlen zu viele Punkte, die dem Kunden noch mehr Transparenz verschaffen würden. Klaus Baltruschat vom TÜV Süd empfiehlt deshalb, sich vor dem Kauf der neuen Reifen mit den viel umfangreicheren Tests der einschlägigen Fachmagazine zu informieren.

Denn vor allem bei den Winterreifen, deren Saison so langsam beginnt, greift das Label nur unzureichend. "Es gibt den Widerspruch zwischen Rollwiderstand und Nässe sowie zwischen Nässe und Schnee", so Löwenhaupt. Soll der Winterpneu in der einen Kategorie punkten, müssen andere Kategorien dafür büßen. "Wer auf Schnee setzt, muss bei den anderen Kriterien zurückstecken."

Seltene Stichproben

Der Rollwiderstand wird gemessen
Der Rollwiderstand wird gemessen © Goodyear

So sollten die Verbraucher nicht erschrecken, wenn bei den Winterreifen die Einstufung "A" noch fehlen werde, sondern eher C bis E auf dem Label stehen. Das ist allerdings auch ein Schachzug der Kommission, die harte Kriterien anführte, um nicht – wie bei der "weißen Ware" zusätzliche Kategorien wie "AA" oder "AA+" allzu schnell einführen muss.

Mit der Einführung des neuen Labels wird auch zugleich eine Marktüberwachung durch die 16 Bundesländer eingesetzt, um Betrügereien durch Hersteller oder Händler auszuschließen. Die Kontrollen werden über Stichproben erfolgen, von der Überprüfung der Unterlagen bis zur Laborprüfung. "Allerdings werden die Stichproben aufgrund des fehlenden Personals nicht sehr häufig stattfinden", sagt Kraft.

Zudem koste eine Kontrolle zwischen 2000 und 8000 Euro. Wird bei der Kontrolle jemand erwischt, muss er neben der Geldbuße von bis zu 50.000 Euro auch noch die Kosten der Kontrolle übernehmen, ansonsten springt der Steuerzahler ein. Doch Kraft glaubt fest an eine funktionierende Marktüberwachung. "Der Handel achtet selbst auf plausible Angaben."

Gute Reifen helfen sparen und Leben retten

Auch wenn der Start des neuen Labels holprig beginnt, kann sich der Einsatz der drei Kriterien positiv auf den Geldbeutel des Verbrauchers auswirken. "Reifen der höchsten Kategorie haben ein Einsparpotenzial bis zu 7,5 Prozent. Das wirkt sich mit 0,1 bis 0,15 Litern Ersparnis auf 100 Kilometern aus", sagt Landwehr. Was wenig klingt summiert sich über den gesamten Lebenszyklus des Reifens gesehen.

"Lebenslang kommt somit ein Einsparpotenzial von rund 200 Litern Kraftstoff zusammen, das sind mehr als 300 Euro Ersparnis. Da hat man die Mehrkosten für den teureren Reifen schon wieder raus." Zudem könne ein kürzerer Bremsweg von bis zu 18 Metern das ein oder andere Menschenleben retten. Und allein dieses Kriterium unterstreicht die Wichtigkeit des neuen Labels.



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