24. Juli 2013

Fahrbericht Kleiner Geländewagen VW Taigun: Der Up fürs Gelände

Der VW Taigun hat gute Chancen gebaut zu werden. Fotos ▶
Der VW Taigun hat gute Chancen gebaut zu werden. © VW

Entschieden ist noch nichts, doch die Chancen für den Bau des VW Taigun stehen gut. Der kleine Geländewagen der Niedersachsen basiert auf dem Kleinstwagen Up und soll neue Kunden ansprechen.




Meiner ist kleiner: Nachdem die Autohersteller sich jahrelang mit größeren und immer größeren Geländewagen übertrumpft haben, geht das Wettrüsten jetzt in die andere Richtung. Durch immer schärfere CO2-Richtlinien, vollere Straßen und leerere Kassen bei ihren Kunden machen sich die Dickschiffe dünne und die SUV gehen auf Schrumpfkurs. Den Anfang hat Opel vor gut einem Jahr mit dem Mokka markiert, Autos wie der Peugeot 2008, der Renault Captur und bald der Ford EcoSport sind den Hessen gefolgt, und VW geht jetzt sogar noch einen Schritt weiter. Denn die Niedersachsen schrumpfen den Tiguan bis in die Up-Klasse und wollen daraus den VW Taigun machen.


Taigun bislang nur eine Studie

Bislang ist der blaue Winzling aus Wolfsburg zwar nur eine Studie, die zum ersten Mal im letzten Oktober auf der Motorshow in Sao Paulo zu sehen war. Doch nach der ersten vorsichtigen Ausfahrt mit dem Messemodell in der argentinischen Pampa möchte man am liebsten zusammen mit Martina Biene aus dem Produktmarketing die Daumen drücken, dass der kleine Kraxler in diesen Wochen die entscheidenden Hürden im Vorstand nimmt und dann bis vermutlich Anfang 2016 seinen Weg auf die Straße findet. Denn der Knirps macht einfach gute Laune und zeigt seinen ausgewachsenen Konkurrenten, dass man auch mit 3,86 Metern ein ganz großer sein kann.

In Argentinien, wo Kleinwagen wie überall in Südamerika eine große Nummer sind und selbst Minivans wie der Citroen C3 im Trekking-Look ausgeliefert werden, fällt der Taigun nicht nur deshalb auf, weil er im Gegensatz zu den vielen Rostlauben auf Hochglanz poliert ist. Dort, wo CrossFox & Co nur ein paar schwarze Plastikplanken tragen, macht der Up für Abwege auch tatsächlich auf Geländewagen. Er steht deutlich höher als die anderen Stadtflitzer, sieht bulliger aus und könnte mit seinem Unterfahrschutz so manches Schlagloch in den miesen Straßen von San Antonio de Areco wegstecken, wenn er nicht noch ein handgeschnitztes Einzelstück wäre, das man besser nur behutsam bewegt.

Allradantrieb fehlt

Dass ihm zu einem echten Geländewagen und zum Suzuki Jimny als vielleicht einzig ernsthaftem Konkurrenten der Allradantrieb fehlt, kann man da ganz gut verschmerzen. Zumal schon bei den größeren Geländewagen immer mehr Fahrzeuge als Fronttriebler geordert werden und Frau Biene eine 4Motion-Variante nicht einmal kategorisch ausschließen möchte: „Im Augenblick wird darüber noch intensiv diskutiert.“ Das eine Lager argumentiert, dass der Allrad fürs Image und die Glaubwürdigkeit unumgänglich sei. Und das andere würde gerne den sicher knapp dreistelligen Millionenbetrag in der Entwicklung einsparen und den Preis dafür lieber noch ein bisschen weiter unter jene 16.000 Euro drücken, die als Zielvorgabe kursieren.

Das Cockpit des Taigun
Das Cockpit des Taigun © VW

Welche Achsen am Ende angetrieben werden, ist zwar noch offen. Doch zumindest, welche Motoren den Taigun in Fahrt bringen werden, ist schon entschieden. Genau wie der kommende Up-GT treibt die Studie ein Turbo-Dreizylinder, der aus seinem einen Liter Hubraum muntere 81 kW/110 PS schöpft und bis zu 175 Nm auf die Straße bringt und bei der Testfahrt zwei Stunden außerhalb von Buenos Aires einen ganz aufgeweckten Eindruck macht. In der Theorie reicht das schließlich für einen Sprintwert von 9,2 Sekunden und ein Spitzentempo von 186 km/h. Aber in der Praxis werden die Begleiter der Studie schon nervös, wenn man mal mehr als 40 km/h auf dem Tacho hat.

Effizienter Verbrauch

Aber der Turbo macht nicht nur einen munteren Eindruck und verspricht attraktive Fahrleistungen. Er soll darüber hinaus auch mit einem gemäßigten Durst punkten. Braucht der sparsamste Benziner im Tiguan aktuell 6,5 Liter, reichen dem Dreizylinder im Taigun 4,7 Liter. „Und das ist ja noch nicht alles“, sagt Biene. Erstens will sie dem Taigun auch die beiden Up-Sauger mit 60 und 75 PS mitgeben, zweitens hofft sie auf die CNG-Variante, die bei dem Stadtflitzer schon auf einen europaweiten Mixanteil von fast zehn Prozent kommt, und drittens macht sie sich für einen Diesel stark. „Der hätte dann erstmals bei einem SUV von VW beim Verbrauch eine Drei vor dem Komma“, stellt sie in Aussicht.

Die Fahrleistungen sind ansprechend, das Design ist auffällig und auch innen macht der Taigun schon eine ziemlich erwachsene Figur: Von der kunterbunten Grafik auf dem Handy, das in der Dockingstation über dem Schaltknauf zum Navi wird, wird man sich wohl wieder verabschieden müssen, auf die farblich passenden Trinkflaschen in den Becherhaltern braucht man leider nicht zu hoffen und ob die bunten Gummistrippen tatsächlich in den Türen bleiben, um den Kleinkram in den Ablagen zu halten, ist auch noch nicht raus. Doch im Grunde sei nichts an der Studie, was man nicht auch in der Serie machen könne, sagt Biene und sieht im dem frischen Ambiente einen Jungbrunnen für die Marke, die mit Autos wie dem Taigun neue Kunden anlocken und ihr Spießerimage ein wenig abschütteln könnte.

Großzügiges Platzangebot

Der Taigun von VW
Der Taigun von VW © VW

Was übrigens ganz sicher bleiben wird, sind die überraschend großzügigen Platzverhältnisse. Vorn ist ja schon der Up ein Raumwunder, in dem sich auch lange Fahrer nicht groß einschränken müssen. Aber bei fünf Zentimetern mehr Radstand als im Up kann man im Taigun jetzt auch hinten ganz ordentlich sitzen. Sicher nicht zu fünft, wie es Martina Biene verspricht und mit mehr als 1,75 Metern auch nicht für eine Urlaubsreise. Aber für die Landpartie mit der Clique reicht der Platz allemal. Oder für eine Shopping-Tour. Denn immerhin liegt der Kofferraum hinter der geteilten Klappe mit 280 Litern auf mit dem Niveau des Polo.

Bevor es soweit kommt, muss jetzt aber erst einmal der Vorstand grünes Licht geben. Jeder, der an dem Projekt mitgearbeitet hat, drückt dafür kräftig die Daumen. Aber insbesondere bei Opel, Peugeot, Renault oder Ford wird man die Entscheidung mit einer gewissen Sorge beobachten. Denn wie immer, wenn VW in eine Nische drängt, ist für die anderen dort nicht mehr viel Platz. Das war so beim Touran, beim Touareg oder beim Tiguan. Und das wird wohl auch beim Taigun so kommen. Auch wenn der Wicht aus Wolfsburg noch einmal 40 Zentimeter kürzer und ein paar Hunderterbilliger wird als die aktuellen Minis für den Matsch, könnten Autos wie der Opel Mokka deshalb ab 2016 vielleicht nur noch kalter Kaffee sein. (SP-X)






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