29. März 2016

Fahrbericht Sportlicher Plugin-Hybrid VW Passat GTE: Disziplin gefragt

Der VW Passat legt rund 25 Kilometer rein elektrisch zurück.
Der VW Passat legt rund 25 Kilometer rein elektrisch zurück. © AG/Flehmer

VW hat den Passat teilweise unter Strom gesetzt. Als GTE kann der Plugin-Hybrid sparsam ebenso wie sportlich. Im Alltag setzt das System den Fahrer manchmal unter Stress, wie der Selbstversuch unter Beweis stellte.




Von Thomas Flehmer

Die Atempause kommt willkommen. Mit der Plugin-Hybrid-Technik wird besonders den deutschen Autoherstellern mit ihren zumeist größeren und schwereren Fahrzeugen auf dem Weg zu immer strengeren CO2-Grenzen eine gewisse Schonfrist verliehen. Die Fahrzeuge sollen bis zu 50 Kilometer rein elektrisch zurücklegen und kommen dann nach 100 Kilometern mit niedrigen Verbräuchen und somit CO2-Ausstößen ins Ziel.

Im wöchentlichen Alltag könnte – so der Wunschgedanke – das Fahrzeug also rein elektrisch zwischen dem Eigenheim und Büro kutschieren und dank regenerativen Stroms sehr umweltfreundlich unterwegs sein. Doch neben einer gewissen Disziplin des Fahrers ist auch eine gewisse Infrastruktur nötig, wie die Testfahrten mit dem VW Passat GTE deutlich unter Beweis stellten.


Faktische 25 Kilometer rein elektrisch

Der Passat GTE selbst – nach dem Golf GTE das zweite Fahrzeug der Wolfsburger mit Plugin-Hybrid-Antrieb – unterscheidet sich nicht großartig von den normalen Passat-Ablegern. Ein Hauch von Blau zieht sich durch die Optik und zeigt an, dass hier eine besondere Mittelklasse am Start ist. Rechts neben dem Logo am Kühlergrill lässt sich eine Klappe für das Stromkabel öffnen, mit dem der Passat innerhalb von vier, fünf Stunden an der Haushaltssteckdose aufgeladen wird.

Im Testzeitraum stand dann für rund 45 Kilometer Strom zur Verfügung. Nach einer Fahrt über die Stadtautobahn mit Tempi zwischen 60 und 80 km/h war der rein elektrische Spaß nach knapp 25 Kilometern beendet. Für die meisten reicht diese Strecke, um das Büro emissionsfrei zu erreichen – und mit Fahrfreude. Denn auch mit dem Passat GTE ist der rein elektrische Fahrspaß im so genannten E-Modus möglich.

Fehlende Infrastruktur wirkt hinderlich

Neben dem Logo am Kühlergrill wird geladen
Neben dem Logo am Kühlergrill wird geladen © VW

Befindet sich in der Nähe des Büros eine Schnellladeladesäule, kann das Mittelklassefahrzeug auch schon nach knapp einer Stunde wieder Platz für ein weiteres Elektro- oder Plugin-Hybrid-Auto machen. Die Fahrt zurück nach Hause wird dann wieder im Elektromodus zurückgelegt. Fünf Tage emissionsfrei zur Arbeit und zurück – das ist möglich.

Leider – und daran leidet nicht nur der Passat GTE – hält angesichts der Forderung der Kanzlerin nach einer Million Elektrofahrzeugen bis zum Jahr 2020 der Aufbau der Infrastruktur nicht Schritt. Die nächste Ladesäule ist mehrere hundert Meter oder Kilometer entfernt und wer nimmt dann Tag für Tag den restlichen Weg bis zum Büro und wieder zurück auf sich? Und dass, nachdem man mindestens 45.200 Euro beim Händler abgegeben hat und sich dafür auch ein wenig Komfort abseits der Annehmlichkeiten, die der Passat von Hause aus zuhauf mitbringt, wünscht.

VW Passat GTE mit 218 PS Systemleistung

Das Cockpit ist komfortabel und intuitiv zugleich eingerichtet
Das Cockpit ist komfortabel und intuitiv zugleich eingerichtet © AG/Flehmer

Die Alternative lautet Hybrid-Modus, mit der sich der Passat selbstständig die beste Mischung aus Elektro und Verbrennermotor zusammenstellt und dann rund 4,5 Liter sowie 7,8 kWh Strom im Testzeitraum benötigte. Mit dem speziellen „B“-Programm bei der Automatik erzeugt das Fahrzeug per Rekuperation Strom, lädt die Batterie aber nur minimal auf. Der Schalter kann aber auch dazu benutzt werden, das Auto manuell abzubremsen ohne dabei die Bremsen zu betätigen und somit die Lebensdauer der Scheiben und Beläge nachhaltig zu verlängern.

Ist aber auch die Batterie alle und der 1,4 Liter große Turbobenziner mit 115 kW/156 PS ganz auf sich allein gestellt, stehen immer noch gute 7,5 Liter Verbrauch im Stadtverkehr unter dem Strich. Doch das Mehrgewicht der Batterie muss das Fahrzeug auch mit sich schleppen. Dann kann der Fahrer alle Gewissensbisse fallen lassen und im Sportmodus die dynamischen Grenzen auskosten.

Der Turbobenziner und der 85 kW/115 PS starke Elektromotor kreieren eine Systemleistung von 160 kW/218 PS und ein Drehmoment von 250 Newtonmetern. Dann sind 7,6 Sekunden für den Sprint in den dreistelligen km/h-Bereich drin sowie eine Höchstgeschwindigkeit von 222 Stundenkilometern. Spätestens dann ist das Konzept Plugin-Hybrid aber auch konterkariert.

Komfortable Ladelösungen erhöhen Attraktivität der Elektromobilität

In 7,6 Sekunden ist der VW Passat GTE auf 100
In 7,6 Sekunden ist der VW Passat GTE auf 100 © AG/Flehmer

Hinzu kommt, dass auch im reinen Alltag im Testzeitraum abends nach der Arbeit manchmal die Muße fehlte, das Gatter zu öffnen und den Wagen an das hinten anliegende Haus zu pilotieren. Auch hier könnte Lösungen bei der Infrastruktur Abhilfe leisten, damit die Vorzüge des Passat GTE gegenüber den Otto- und Dieselvertretern auch wirklich genutzt werden können.

Anstatt Stress auf der Suche nach einer Steckdose könnte die eigene Straßenlaterne als Stromspender fungieren und dem Fahrer eine willkommene Atempause verschaffen. Durch die fehlende Infrastruktur ist das System seiner Zeit voraus. Die im Raum stehenden 5000 Euro Elektroprämie sollten besser in sinnvolle Ladelösungen investiert werden, die die Elektromobilität attraktiv und komfortabler machen. Denn 5000 Euro für den einzelnen Kunden sind bei einem Einstiegspreis von 45.200 Euro eher ein etwas größerer Tropfen, der aber auf dem heißen Stein ebenso schnell verdampft.






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