26. September 2014

Fahrbericht Auf Probefahrt mit Ihrer Majestät Rolls-Royce Ghost II: Auch für gewöhnliche Millionäre

Der Rolls-Royce Ghost II.
Der Rolls-Royce Ghost II. © Rolls-Royce

Nur keine Hektik: Ein gutes halbes Jahr nach der Enthüllung auf dem Genfer Autosalon bittet Ihre automobile Majestät zur Probefahrt. Rolls-Royce hat die zweite Serie des Modells Ghost aufgelegt.




Von Axel F. Busse

Die Vorstellung, dass eine 5,70 Meter lange Limousine das kleinere Schwestermodell von irgendetwas sein soll, passt nur schwer in die Realität modernen Automobilbaus. Als "Baby-Phantom" wurde der Rolls-Royce Ghost 2009 verspottet, doch inzwischen hat er sich etabliert.

Er wendet sich überwiegend an Selbstfahrer, während die Herrschafts-Kalesche Phantom den Chauffeuren vorbehalten bleibt. Dass die für exzessive Gelassenheit stehende Firma auch "modern" kann, zeigt die Tatsache, dass vom Modell Ghost bereits nach fünf Jahren Laufzeit eine zweite Serie aufgelegt wird. Für die britische Nobelmarke hat ein derart flinker Modellwechsel schon den Charakter von Schnapp-Atmung.


Rollende Trutzburg

Es sind nicht mehr nur Angehörige des Hochadels, Popstars und politische Potentaten, die sich einen Rolls leisten, sondern Konzernlenker und ganz gewöhnliche Millionäre, die in der Finanz- oder IT-Branche zu Wohlstand gekommen sind. Sie führen oft ein High-Speed-Leben, dass ein entschleunigtes Dasein in der rollenden Trutzburg für die individuelle Beförderung genau das Richtige zu sein scheint. Dürre Jahre sind bei Rolls-Royce vergessen, schon wird in der Münchner Deutschlandzentrale intern frohlockt: "Wir werden dreistellig" – will sagen: 2014 rechnet man mit dem Verkauf von mehr als 100 Fahrzeugen.

Die Verantwortlichen der seit 1998 zu BMW gehörenden Traditionsmarke sind sich ihrer Selbst aber zu sehr bewusst, als dass sie bei der Entwicklung ihrer Fahrzeuge schnelllebigen Trends hinterher liefen. Der Kompromiss zwischen Kundenerwartung und Selbstgewissheit liegt in sehr diskreten Veränderungen im Design. Vorsichtige kosmetische Eingriffe erhielten Scheinwerfer, Lufteinlässe und Stoßfänger, Charakteristisches wie lange Motorhaube und kurzer vorderer Überhang blieben unangetastet.

Lounge-Sitze im Fond

So sehen Selbstfahrer das Cockpit
So sehen Selbstfahrer das Cockpit © Rolls-Royce

Höchsten Komfort zu steigern ist keine leichte Aufgabe, doch die Rolls-Royce-Entwickler fanden Handlungsbedarf an den Polstern der vorderen Sitze, deren Fläche nun mittels einer ausziehbaren Schenkelauflage optimiert werden kann. Für die Rücksitze, die den Anforderungen des Business-Alltags ebenso gerecht werden müssen wie dem Wunsch nach Entspannung, gibt es jetzt die Option "Lounge Sitze", deren Polster leicht zueinander angewinkelt sind, um eine intimere Atmosphäre zu schaffen, bei der die Passagiere leichter miteinander kommunizieren können.

Kommunikation ist überhaupt das zentrale Thema der technischen Ergänzungen, die in der zweiten Serie des ersten Ghost-Modells der Neuzeit zu realisieren waren. Fonds-Manager, Börsen-Gurus und Finanz-Jongleure würden Rolls Royce eiskalt links liegen lassen, wenn bei der Fahrt von A nach B nicht die komplette Online-Präsenz zu gewährleisten wäre. Folglich sind nunmehr mittels eines On-Board-WiFi-Netzes E-Mail, Datenaustausch und Videokonferenzen möglich. Der Benutzer ist auch in der Lage, TV-Nachrichten und Marktbewegungen am Bildschirm zu verfolgen Die Navigation kann über die One-Touch-Ruf-Taste aktiviert werden, die Nennung des Namens einer im System abgespeicherten Person genügt, um eine Telefonverbindung mit ihr herzustellen. Zentrales Steuerungs- und Kontroll-Medium für die erweiterten Funktionen ist der 10,25 große HD-Monitor, der im Ruhezustand hinter einer edlen Holzabdeckung verborgen bleibt.

Fast unbegrenzte Reserven

Der Ghost II ist schlappe 5,70 Meter lang
Der Ghost II ist schlappe 5,70 Meter lang © Rolls-Royce

Zentrale Eigenschaften eines Automobils, nämlich die Frage, wie es fährt, scheinen inzwischen hinter IT-Aspekte zurück zu treten. Und das, obwohl der Ghost II nun serienmäßig mit einer Technik glänzt, die voriges Jahr im Modell Wraith ihre Premiere feierte. Das satellitenunterstützte Getriebe nutzt GPS-Daten, um weiter voraus blicken zu können, als es der Fahrer kann. Die im Straßenverlauf anstehenden Steigungs- und Gefällstrecken, Einmündungen und Abzweigungen, werden vorausberechnet, um die richtige Fahrstufe des Achtgang-ZF-Automatikgetriebes zu wählen und es stellt auf diese Weise sicher, dass dem Fahrer stets die angemessenen Kraftreserven des 6,6-Liter-Twin-Turbo-V12-Motors zur Verfügung stehen. Der Fahrer erhält – auch das eine Rolls-Royce-Eigenheit - seine Motorinformationen nicht über einen Drehzahlmesser, sondern über die Anzeige eines Power-Meters, das von 100 Prozent rückwärts rechnend den noch abrufbaren Leistungsvorrat per Analog-Zeiger visualisiert.

Es gehört zu den eher seltenen Erfahrungen einer Probefahrt, wenn die elektrische Verstellung eines Sitzes akustisch auffälliger ist als ein laufender Motor. Mit dem großen und deshalb etwas antiquiert wirkenden Lenkrad wird der Kurs bestimmt. Dafür ist etwa so viel Kraftaufwand nötig wie für das Ausstellen des 272.837 -Euro-Schecks, der den Erwerb des Ghost II besiegelt. Ein EU-Durchschnittsverbrauch von 14 Litern je 100 Kilometer, auf der Kurzstrecke gern auch mal 20, ist für die Rolls-Royce-Klientel keine nennenswerte Größe.

570 PS Leistung sollten reichen

Das Heck der Luxuskarosse
Das Heck der Luxuskarosse © Rolls-Royce

Seit mehr als 100 Jahren sind bei Rolls-Royce finstere Mächte am Werk. Geister, Gespenster und Phantome haben in Modellen wie Ghost, Wraith oder Phantom eine materielle Struktur bekommen und in den zurückliegenden Dekaden automobile Spitzenerzeugnisse repräsentiert. Aus der seit 1906 angebotenen 40/50-hp-Baureihe wurde der legendäre Silver Ghost, den zunächst ein Siebenliter-Motor antrieb. Zwar wog er nur etwa die Hälfte dessen, was heute ein Ghost II auf die Waage bringt, dafür überragte sein Radstand von 3,40 Metern den des aktuellen Modells noch um zehn Zentimeter. Der Ur-Ghost war es auch, für den das englische Wort Waftability geprägt wurde, eine Kunst-Vokabel, die das Wesen der unangestrengten Bewegung versinnbildlichen soll.

Mit 570 PS Leistung und einem maximalen Drehmoment von 780 Newtonmetern ist der Ghost II exakt genau so motorisiert wie sein 2009 vorgestellter Vorgänger. Der Verzicht auf Leistungszuwachs ist nur konsequent, da ein Teil des Marken-Mythos in der Antwort begründet liegt, die Rolls-Royce-Verkäufer Jahrzehnte lang auf die Frage nach der Motorkraft zu geben pflegten: Sie sei "ausreichend".

Ob die Eigenschaften des neuen Luxusliners ausreichen, den Legenden-Status des Silver Ghost von ehedem zu erreichen, muss sich indes noch erweisen. Das historische Fahrzeug begann im Jahr 1931 eine Filmkarriere, die auch mehr als 80 Jahre später noch zu Ende war. Seit "Lichter der Großstadt", über "Citizen Kane" und "Frankenstein Junior" rollte es bis in "Die Frau in Schwarz" über die Leinwände der Welt. Und das natürlich mit der ihm eigenen "Waftability".






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