15. März 2016

Fahrbericht Unterwegs im teuersten Cabrio der Welt Rolls-Royce Dawn: Schwebende Erfahrungen

In 22 Sekunden steht den Passagieren im Dawn die Welt offen
In 22 Sekunden steht den Passagieren im Dawn die Welt offen © Rolls-Royce

Man sitzt höher und entrückter im Rolls-Royce Dawn als in jedem anderen Cabrio der Welt. Trotze eines Anschaffungspreises von 300.000 Euro kann man sich nicht immer aufs Personal verlassen.




Von Benjamin Bessinger

Normalerweise tragen sie Smoking oder zumindest einen maßgeschneiderten Business-Anzug. Doch jetzt lassen die Superreichen das lange Hemd lässig aus der weiten Hose hängen und geben sich „casual“ – denn wenn Rolls-Royce in diesen Tagen den neuen Dawn an den Start bringt, macht sich selbst die Haute-Volée locker und lässt sich von der lasziven Leichtigkeit dieses Cabrios in Sommerlaune versetzen. Dass die Etikette dabei ein wenig leidet und Rolls-Royce solch verruchte Begriffe wie „Verführung“ oder „Sexappeal“ in den Mund nimmt, erhöht nur den Reiz. Denn wer 330.000 Euro für ein offenes Auto ausgibt, der muss sich an keine Regeln halten. Der macht sie einfach selbst.

Es sind zwar nur Kleinigkeiten, bei denen Briten gegen die eigenen Konventionen verstoßen, doch lassen die den Dawn zusammen tatsächlich in einem neuen, sehr viel lockereren Bild erscheinen. Nicht umsonst hat Designchef Giles Taylor nur 20 Prozent der Karosserieteile des Ghost übernommen und alle anderen so geformt, dass der sinnlichste, verführerischste Rolls-Royce der letzten Jahrzehnte entstanden ist: Die Kotflügel sind weiter ausgestellt, die Gürtellinie wirkt ein wenig taillierter und hat einen viel schnelleren Abgang, der riesige Kühler wurde etwas schnittiger und selbst die Spirit of Ecstasy reckt ihren spärlich verhüllten Körper zwei Zentimeter höher in den Wind.


Viel Frischluft auf den Plätzen

Die lustvoll-leidenschaftliche Grundstimmung schlägt sogar durch bis in die Nomenklatur: Statt weiter in der düsteren Mythologie der Schlossgespenster zu stöbern, würdigt der Dawn deshalb den magischen Moment der Morgenröte. „Der Name steht in perfekter Weise für die Möglichkeiten, die ein neuer Tag bereithält – ein Erwachen der Sinne und das Hervortreten der Sonnenstrahlen“, philosophiert Firmenchef Torsten Müller-Ötvos über jene Kraft, die die Welt aus der Dunkelheit ins Licht führt und mit der morgendliche Kühle jenes Prickeln auf der Haut sorgt, das die Lebensgeister für den aufziehenden Tag weckt.

Im Dawn ist es allerdings weniger die Kühle, die auf der Haut prickelt. Sondern es ist die Sonne, die darauf brennt. Denn viel weiter als in diesem Auto kann man sich in der Luxusklasse diesseits einer Yacht kaum den Elementen öffnen. Das dauert nur 22 Sekunden und geht bis Tempo 50 auch während der Fahrt. Dann führen Servomotoren und Hydraulikpumpen ein absolut geräuschloses Ballett auf, bei dem sich das größte Cabrio-Verdeck am Markt in einen fast schon winzigen Schacht vor dem Kofferraum faltet. Danach sengt nicht nur der Sonne so heftig auf die Insassen nieder, dass die Klimaanlage ordentlich gegenhalten muss. Egal ob die Fenster offen oder geschlossen sind, frischt im Dawn auch eine Brise auf, die Hamburger durchaus als steif bezeichnen würden. So viel Gegenwind jedenfalls sind die sehr viel Besserverdiener im wirklichen Leben sonst wahrscheinlich nicht gewöhnt.

Entrücktes Fahrgefühl

Der Viersitzer ist 5,29 Meter lang
Der Viersitzer ist 5,29 Meter lang © Rolls-Royce

Dass man das Windschott noch von Hand montieren muss, ist dabei genauso gleichgültig, wie der Umstand, dass es im teuersten Cabrio der Welt kein beheiztes Lenkrad und keinen Nackenföhn gibt. Denn für den Umbau hat der Rolls-Royce-Fahrer Personal und für nicht ganz so gutes Wetter ein Dutzend anderer Autos. „Außerdem fahren die meisten unserer Kunden in Regionen, in denen man eher ein gekühltes als ein beheiztes Lenkrad brauchen könnte“, sagt Produktmager Jonathan Shears.

Viel wichtiger als solcher Firlefanz ist den Briten deshalb die Finesse des Dawn, die Sinnlichkeit seines Ambientes, sein konkurrenzlos großzügiges Platzangebot und das erhabene Gefühl, das einen schon nach ein paar Metern überkommt: Nicht nur, weil der Rolls-Royce so teuer ist und weil man höher sitzt als in jedem anderen Cabrio, fühlt man sich buchstäblich abgehoben und der Welt entrückt als residiere man wie ein Sonnenkönig in einem Luftschloss auf Rädern. Fast muss man die Hände ins ungewöhnlich dünne Lenkrad krallen, damit man nicht huldvoll den stets neugierigen und überraschend neidfreien Passanten winkt.

Respektvoller Zwölfzylinder

570 PS schaffen es bis auf 250 km/h
570 PS schaffen es bis auf 250 km/h © Rolls Royce

Zu diesem Gefühl der Abgehobenheit passt auch der Vortrieb. Zwar sind die Zeiten längst vorbei, in denen Rolls-Royce die Leistung mit „ausreichend“ angeben konnte. Doch auf kleinliches Imponiergehabe lassen sich die Briten deshalb genauso wenig ein wie auf das Wettrüsten, das ihre einstige Schwestermarke Bentley so kräftig vorantreibt. Wer es auf den Thron geschafft hat, der muss sich nicht ständig beweisen.

Und wenn man sich doch mal Respekt verschaffen muss, sollten die 570 PS und vor allem die 780 Nm des 6,6 Liter großen V12-Triebwerks wohl reichen. Nicht umsonst wuchten sie den 2,6-Tonner im Ernstfall in 4,9 Sekunden von auf Tempo 100 und ermöglichen zumindest die üblichen 250 km/h.

Wolkenweiche Luftfederung

Was den Dawn ausmacht, ist nicht seine schiere Kraft, sondern die Mühelosigkeit, mit der sich dieser Luxusliner durch den Alltag bewegen lässt. Die Luftfederung wolkenweich, die satellitengestützte Automatik sanft und seidig und vom Kraftpaket unter der Haube kaum mehr als eine ferne Ahnung – so schwebt man eher über die Straße und zweifelt, ob man diese Art der Fortbewegung noch fahren nennen könnte.

Doch Eile ist nur was für Emporkömmlinge. Was den Dawn ausmacht, ist deshalb nicht seine schiere Kraft, sondern die Mühelosigkeit, mit der sich dieser Luxusliner durch den Alltag bewegen lässt.

Charakterwandel

Ab stilvollen 329.630 Euro
Ab stilvollen 329.630 Euro © Rolls-Royce

Die Luftfederung wolkenweich, die satellitengestützte Automatik sanft und seidig und vom Kraftpaket unter der Haube kaum mehr als eine ferne Ahnung – so schwebt man eher über die Straße, fühlt sich in Watte gepackt und auf Wolken gebettet, als dass man diese Art der Fortbewegung noch fahren nennen könnte.

Zwar fährt man in einem Rolls-Royce auf der Sonnenseite des Lebens. Doch falls sich der Himmel trotzdem mal verdunkelt und einen der Alltag einholt, braucht es nur weitere 22 Sekunden, bis sich das Dach mit einem neuerlichen Ballett der Stille wieder schließt. Dann fühlt man sich im Dawn genauso behütet, geborgen und der Welt entrückt wie im Wraith, weil das Verdeck besser isoliert ist als bei jedem anderen Cabrio und sich der Rolls-Royce mit einer Aura des Unnahbaren umgibt. Vor allem sitzt man dann ein einem Auto, das mindestens genauso gut aussieht und trotzdem ganz anders aussieht – als hätte man nicht nur das Dach geschlossen, sondern gleich auch noch das Hemd in die Hose gesteckt und schnell ein maßgeschneidertes Sakko übergeworfen.






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