27. Januar 2017

Fahrbericht Einstiegsaggregat von Mercedes Infiniti Q60: Coupé alter Schule

Infiniti will mit dem Q60 weiter wachsen
Infiniti will mit dem Q60 weiter wachsen © Infiniti

Infiniti will mit dem Ausbau der Modellpalette dem Nischendasein entfliehen. Mit dem Coupé Q60 punktet Nissans Edel-Ableger aber genau über dieses Image.




Schon seit Jahrzehnten versucht Toyotas Edel-Ableger Lexus in Deutschland Fuß zu fassen, und kommt doch nicht so recht auf einen grünen Zweig. Ein Schicksal, das man 2008 auch der Nissan-Nobeltochter Infiniti vorausgesagt hat, als sie meinte, Deutschland erobern zu müssen. In den ersten Jahren schien es, als sollten die Kritiker recht behalten. Doch inzwischen kommen die Japaner in Fahrt: Immerhin 2179 Fahrzeuge wurden 2016 unters Volk gebracht. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr und keine 300 weniger als Lexus absetzen konnte.

Damit dieser Trend anhält, baut Infiniti sein Modell-Angebot weiter aus: Ab sofort steht das Mittelklasse-Coupé Q60 bei den bundesweit elf Händlern. Zu Preisen ab 44.500 Euro tritt der Infiniti gegen Audi A5, 4er BMW und Mercedes C-Klasse Coupé an.


Infiniti Q60 zweitürige Ausgabe des Q50

Der Q60, also die zweitürige Ausgabe der Limousine Q50, ist ein Coupé alter Schule. Das heißt, die Proportionen stimmen, die Motorhaube ist lang, das Heck kurz, das Dach fällt schnittig ab und überhaupt ist die geschwungene 4,69-Meter-Karosserie ein Hingucker. Zumal das muskulöse Heck, die scharfen Scheinwerfer und der große Kühlergrill durchaus für einen kraftvollen Auftritt sorgen.

Gleichzeitig verkörpert der Q60 aber auch bilderbuchmäßig die Nachteile eines Coupés: Er ist eng, unpraktisch und unübersichtlich. Die beiden Rücksitze sind eine bessere Ablage, wobei man schon größere Taschen nur schwer in den Fond befördern kann; der Kofferraum schluckt mit 342 Litern nicht gerade viel Gepäck und auch das Cockpit ist keinesfalls großzügig geschnitten. Dazu kommen wenig Ablagen und keine besonders gute Rundumsicht. Das alles machen die deutschen Premium-Hersteller mittlerweile besser. Aber wer solche Maßstäbe anlegt, kauft ohnehin keinen Infiniti. Den Q60 bestellt man, weil man etwas Besonderes will. Und das ist er auf jeden Fall, schließlich ist – Aufschwung hin oder her – vielen Deutschen nicht mal die Marke ein Begriff.

Infiniti Q60 als V6 mit 405 PS

Als Sechszylinder zeigt der Q60 den anderen Verkehrsteilnehmern die Rücklichter
Als Sechszylinder zeigt der Q60 den anderen Verkehrsteilnehmern die Rücklichter © Infiniti

Während die Japaner bei ihren kleineren Modellen Q30 und QX30 auf die Plattform der Mercedes A-Klasse und des GLA zurückgreifen, haben sie für den Mittelklässler nur den Motor in Stuttgart bestellt: den 155 kW/211 PS starken Zwei-Liter-Turbo-Benziner, der im Q60 als Einstiegsaggregat arbeitet und seine Kraft serienmäßig über eine Siebengang-Automatik an die Hinterräder abgibt. 350 Newtonmeter Drehmoment versprechen eigentlich kräftigen Antritt und ordentlichen Durchzug, doch müssen hier über 1,7 Tonnen Leergewicht bewegt werden. Heißt in Zahlen: Der Standardsprint dauert mindestens 7,3 Sekunden, und der Normverbrauch von 6,8 Litern ist Utopie.

Deutlich mehr Überholprestige – und Durst – hat der doppelt aufgeladene 3,0-Liter-V6 aus eigenem Hause, der ab April für mindestens 56.990 Euro erhältlich ist. Damit steigt das Gewicht zwar weiter auf über 1870 Kilogramm, dem stehen aber auch 289 kW/405 PS und 475 Newtonmeter gegenüber. Die bewegen das Coupé spürbar souveräner und erlauben auch spontane Überholmanöver oder Zwischensprints, ohne dass die Automatik hektisch runterschalten muss. Da der V6 stets mit Allrad ausgerüstet ist, sind Traktionsprobleme ein Fremdwort. Zumindest, solange es geradeaus geht. Wer in der Kurve Gas gibt, und das vielleicht auch noch auf leicht nassem Asphalt, der ruft schnell das Stabilitätsprogramm auf den Plan.

Infiniti Q60 mit neuer elektrischen Lenkung

Das Cockpit des Q60 ist edel gestaltet
Das Cockpit des Q60 ist edel gestaltet © Infiniti

Abgesehen von der trägen Masse fühlt sich der Infiniti in der Kurve aber ziemlich wohl. Es gibt ein adaptives Fahrwerk mit ordentlicher Spreizung, welches das sonst sanft dahin gleitende Coupé im Sportmodus spürbar strafft und einen direkteren Kontakt zur Fahrbahn herstellt. Und die zweite Generation der elektrischen Lenkung (teilweise Serie), die ohne mechanische Verbindung zwischen Lenkrad und Rädern auskommt, wirkt deutlich angenehmer und weniger synthetisch als bisher. Gleichwohl fühlt sie sich um die Mittellage noch immer ein wenig trocken an. Oder, wie es Infiniti sagt: Sie reagiert nicht auf jede minimale Lenkradbewegung, um die Fahrt ruhiger zu gestalten. Auf Wunsch greift die Lenkung automatisch ein und hält das Coupé in der Mitte der Fahrspur, außerdem überwacht der Q60 den toten Winkel und das Geschehen vor dem Auto. Der Clou: Der radarbasierte Auffahrwarner sieht quasi durch das direkt vorausfahrende Auto hindurch und reagiert schon auf eine Vollbremsung das davor fahrenden Wagens.

Weniger fortschrittlich ist dagegen die Connectivity-Technik im Auto: Zwar gibt es in der Mittelkonsole ein modernes Touch-Tastenfeld, der Infotainment-Bildschirm darüber wirkt allerdings ein, zwei Generationen zurück. Gleiches gilt auch für die analogen Rundinstrumente. Nichts zu meckern gibt’s dagegen an der Qualität. Hier wird Infiniti seinem Anspruch als Edel-Sparte gerecht, alle Materialien fassen sich gut an und sind sauber verarbeitet. Warum sich die Ingenieure allerdings zu einem billig wirkenden Plastik-Gurtreicher haben hinreißen lassen, bleibt ihr Geheimnis. (SP-X)






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