15. April 2014

Fahrbericht Stärkster V8 der Firmengeschichte Ferrari 458 Speciale: Autobahn als Vorspiel

Der Ferrari 458 Special auf der Rennstrecke. Fotos ▶
Der Ferrari 458 Special auf der Rennstrecke. © Ferrari

Manchmal kann etwas weniger auch mehr sein. Das beste Beispiel dafür ist der Ferrari 458 Speciale. Er hat dank konsequentem Leichtbau und viel Karbon 90 Kilo verloren – und das hat dem Sportwagen durchaus gut getan.




Darf’s ein bisschen mehr sein? Ach nö, vielen Dank! Wer in diesen Tagen beim Ferrari-Handler aufläuft, der ist mit ein bisschen Bescheidenheit gut beraten und sollte auf alle Luxus-Offerten verzichten. Denn zumindest wenn es wirklich um den Fahrspaß geht und nicht ums Posing auf dem Golfplatz, dann ‎gilt bei die Italienern die Devise "weniger ist mehr".

Aus diesem Geist heraus haben sie den 458 Italia zum Speciale weiterentwickelt und dafür zuallererst einmal 90 Kilo gespart: Neue Räder, noch mehr Anbauteile aus Karbon, keine Dämmung, dünnere Scheiben und vor allem ein puristisches Interieur ohne Lack und Leder drücken das Trockengewicht auf 1.290 Kilo und haben noch einen angenehmen Nebeneffekt: Der Motor im Heck klingt jetzt wie befreit und brüllt noch lauter und leidenschaftlicher als je zuvor.


Ferrari macht aus Sportler einen Supersportler

Schon der Diäterfolg würde wahrscheinlich reichen, um aus dem Sportler einen Supersportler zu machen. Doch genau wie schon bei den Vorgängern Challenge Stradale und 430 Scuderia hat es Ferrari nicht beim Fasten belassen. Natürlich haben die Italiener auch noch einmal am 4,5 Liter großen Motor gearbeitet, die Leistung auf 445 kW/605 PS gesteigert und dem Italia so mal eben den stärkten V8 in der Firmengeschichte ins Heck gepflanzt.

Zum rekordverdächtigen Leistungsgewicht von 2,13 Kilo pro PS gibt es eine noch kompromisslosere Programmierung für das elektronisch gesteuerte Fahrwerk, Bremsen mit dem Biss einer dänischen Dogge und eine ausgefeilte Aerodynamik, die den Wagen förmlich an der Straße festsaugt.

Der Innenraum des Ferrari 458 Speciale
Der Innenraum des Ferrari 458 Speciale © Ferrari

Zwar muss man schon sehr genau hinschauen, um die ausgeklügelte Luftführung zu erkennen, weil sich die Italiener für den pubertären Protz von Spoilern und Schwellern zu schade sind. Doch wenn man den Wagen tatsächlich mal im Stillstand umrunden kann, fallen an der Flanke zwei kleine Finnen auf und im Bug die drei kompakten Klappen. Sie öffnen sich allein durch den Luftdruck bei 170 und 220 km/h und lenken den Fahrtwind so am spiegelglatten Unterboden vorbei, dass der Abtrieb deutlich gesteigert wird. Zugleich bewegen sich am Heck zwei elektrische Klappen und lenken den Luftstrom besonders effizient durch den Diffusor. So fühlt es sich an, als würde ein Elefant mit einem Fuß aufs Dach drücken, während er mit einem anderen ausholt und dem 458 gewaltig in den Hintern tritt.

Radikales Fahrerlebnis

All das kumuliert in einem Fahrerlebnis, das intensiver und radikaler kaum sein könnte. Wer sich zwingt und das Manettino, jenen Lenkradschalter für die elektronische Charakterpflege, auf der softesten von fünf Stufen lässt, der kann zur Not auch mit dem Speciale halbwegs entspannt ins Büro pendeln oder mit Damenbegleitung durchs Wochenende cruisen. Doch dafür braucht man keinen Ferrari, sondern kann auch Fiat fahren.

Also dreht man an dem kleinen Metallregler, gibt alle Selbstbeherrschung auf und erlebt eine rauschhafte Raserei, wie sie nicht einmal die größeren Ferrari-Modelle mit den stärkeren V12-Motoren bieten können: Der Drehzahlmesser schnellt in die hohen Tausender, die Doppelkupplung wechselt die Gänge so schnell wie die Klitschkos ihre Fäuste und der Speciale schießt voran, als gäbe es kein Morgen mehr. Mit einem unveränderten Drehmomentgipfel von 540 Nm schafft er es in 3,0 Sekunden von 0 auf 100, schon auf dem Beschleunigungsstreifen der Autobahn hat man locker 200 Sachen auf dem Tacho, und wenn sich die anderen noch mühsam einfädeln, jagt man schon mit über 300 km/h dem Horizont entgegen.

Höhepunkt auf der Landstraße

Höhepunkt ist die Fahrt auf der Landstraße
Höhepunkt ist die Fahrt auf der Landstraße © Ferrari

Und die Autobahn ist nur das Vorspiel. Den Höhepunkt erlebt man auf einer Landstraße, die gar nicht genügend Kurven haben kann. Wenn das Manettino auf „Race“ steht, sich das Fahrwerk ganz steif macht, die Doppelkupplung noch schneller schaltet und man bei der neuen Lenkung allenfalls in Haarnadelkurven noch umgreifen muss, dann spürt man den Unterschied zwischen „Italia“ und „Speciale“ am besten: Pfeilschnell und messerscharf schneidet die Sportversion durch die Provinz, verbeißt sich eisern in die Ideallinie und lässt sich mit fast traumwandlerischer Sicherheit bis ans Limit führen.

Und sogar darüber hinaus: Weil die Elektronik des Stabilitätssystems erkennen kann, ob der Fahrer einen Fehler macht oder einfach nur spielen will, lässt sie bei der Kurvenhatz abenteuerliche Driftwinkel zu. Mit quietschenden Reifen und blauem Qualm im Rückspiegel drängen erst das Heck des Ferrari und dann die Mundwinkel des Fahrers nach außen und der Speciale schlittert fast quer zur Fahrbahn durch die Kurve, bevor die Elektronik ihn rechtzeitig vor der nächsten Gerade wieder perfekt ausrichtet und man zum nächsten Spurt bereit ist. Ja, das ist im höchsten Maße kindisch und macht die Reifenhändler zu reichen Männern.

Wo Kurven zur Sucht werden

Aber diese so genannte Side Slip Angle Control macht Kurven zur Sucht und ist jede Sünde wert. Und spätestens dann bekommen selbst die engen Rennschalen mit den anfangs so albernen Vierpunktgurten plötzlich einen Sinn. Ein radikales Design ohne überflüssigen Zierrat, einen von allen Fesseln befreiten Motor, eine tolerante Elektronik und ein Innenleben ohne überflüssigen Zierrat - so wird der Speciale zum aktuell wahrscheinlich schärfsten Ferrari mit dem Segen der Zulassungsbehörden. All das gibt's natürlich nicht zum Nulltarif.

Darf's ein bisschen mehr sein? Ja bitte, wird da der Händler sagen: Denn mit 232.530 Euro ist der Speciale rund 15 Prozent teurer als der Italia. Die Kunden scheint das jedoch kaum zu stören. Für den Rest des Jahres jedenfalls ist der Ferrari arrabiata schon weitgehend ausverkauft. (SP-X)






Mehr zur Marke Ferrari

Niederlage vor GerichtFerrari muss auf Modellnamen Testarossa verzichten

Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Doch für Ferrari und die Nutzung des Modellnamens Testarossa sieht es nicht gut aus.


Ferrari für 36 Millionen DollarTeure Oldtimer der Spitzenklasse

Der Oldtimer-Markt hat sich nach Jahren der ansteigenden Preise stabilisiert. Allerdings werden für Spitzenfahrzeuge immer höhere Spitzenpreise geboten.


488 Spider als BasisFerrari feiert Japan-Jubiläum

Ferrari ist im kommenden Jahr ein halbes Jahrhundert auf dem japanischen Markt präsent. Die Italiener feiern das Jubiläum mit dem streng limitierten Sondermodell J50, von dem es deutlich weniger als 50 Einheiten geben wird.



Mehr aus dem Ressort

Ssangyong hat den Rexton komplett neu gestaltet
Vierte Generation des FlaggschiffsSsangyong Rexton: Neue Proportionen

Ssangyong fährt den Rexton in die vierte Auflage. Dabei hat das Flaggschiff eine komplette Umwandlung erhalten, bei der nur noch der Name übrig blieb.


Der Opel Insignia Country Tourer mag die rustikale Art
Dritte Variante des FlaggschiffsOpel Insignia Country Tourer: Ein wenig Freiheit und Abenteuer

Trotz des Booms bei den SUV gibt es auch noch Anhänger rustikaler Kombis. Opel schickt erneut die Offroad-Variante Country Tourer in den Schnee und Matsch.


Mitsubishi steigt mit dem Eclipse Cross in den Markt der SUV-Coupes ein
Auf der Plattform des OutlanderMitsubishi Eclipse Cross: Erhellender Lückenfüller zum Jubiläum

Mitsubishi startet ins Segment der SUV-Coupés. Mit dem Eclipse Cross wird zum hundertjährigen Jubiläum der Autosparte auf die Vergangenheit verwiesen und die Zukunft bemüht.