2. September 2014

Fahrbericht In 4,4 Sekunden auf 100 km/h BMW M4 Cabrio: Offener Ausflug auf die Rennstrecke

Das BMW M4 Cabrio könnte sich mit 8,7 Litern begnügen.
Das BMW M4 Cabrio könnte sich mit 8,7 Litern begnügen. © BMW

Die fünfte Generation des BMW M4 Cabrio hat seine sportlichen Gene nicht nur erhalten, sondern ausgebaut. Doch bei dem offenen Viersitzer macht nicht nur die Gier nach der Höchstgeschwindigkeit Freude.




Es war viel los im Jahr 1988: Olympische Winterspiele in Calgary, Steffi Graf gewinnt alle vier Grand-Slam-Turniere, die Barschel-Affäre und - nicht zu vergessen - das Kulturabkommen zwischen Deutschland und Kamerun. Angesichts solcher Ereignisse schaffte es die Neuerscheinung eines Cabrios nicht wirklich in die Geschichtsbücher. Dabei galt der erste offene BMW M3 von da an als die sportlichste Art, zu Viert unter freiem Himmel unterwegs zu sein. Seine 195 PS werden heute sicher belächelt. Die jetzt erschienene fünfte Generation bringt mit 431 PS mehr als das doppelt so viel Kraft auf die Hinterräder.


BMW M4 Cabrio in 20 Sekunden offen

Gemäß der neuen, sicher immer noch gewöhnungsbedürftigen BMW-Numerologie, wurde das Cabrio hochgestuft. Wie beim Coupé steht jetzt das Kürzel M4 am Heck, auch die Technik stammt weitgehend vom geschlossenen Schwestermodell. Insofern ist das Innenleben des Frischluft-Sportlers keine Überraschung. Ähnliches gilt für das Blechkleid, dessen Grundform schon aus dem zivilen 4er-Cabrio bekannt ist. Aus dem Rahmen fallen natürlich die weit ausgestellten Radhäuser, die "Powerdome" genannten Wülste auf der Motorhaube und die extravaganten Rückspiegel im Doppelfuß-Design. Da BMW sich dem Trend der Rückkehr zum Stoffdach zumindest beim 4er widersetzt, macht der Neuling auch bei Regen oder Kälte eine gute Figur, zeichnet geschlossen die Form eines flachen Coupés nach.

Dabei nehmen die Münchner gerne in Kauf, dass das Öffnen und Schließen gut 20 Sekunden dauert und nur bis zu einem Tempo von 18 km/h möglich ist. Im Stoffdach-Rivalen Audi RS 5 sitzt man fünf Sekunden eher im Freien und darf dabei sogar 50 km/h schnell sein. Nicht zuletzt auch wegen des massiven, dreiteiligen Dachs bringt das M4 Cabrio über 250 Kilo mehr auf die Waage, ist aber immerhin um 60 Kilogramm leichter als der Vorgänger. Den Fans wird´s egal sein, die Kraft unter der flachen Haube reicht auch so allemal.

BMW mit Downsizing auf hohem Niveau

Das BMW M4 Cabrio setzt auf Sechs- statt Achtzyliner
Das BMW M4 Cabrio setzt auf Sechs- statt Achtzyliner © BMW

Schließlich ist seit je her der Motor das wichtigste, das die M-Modelle von den BMW-Normalos unterscheidet. Der Schock, den die treuen Fans beim Erscheinen der aktuellen Limousine und des Coupés durchlitten haben, dürfte inzwischen verflogen sein. Sechs statt acht Zylinder, drei statt vier Liter Hubraum, dafür um 11 PS stärker und deutlich sparsamer. Downsizing auf hohem Niveau also. Die neue Bescheidenheit im Motorraum meldet sich deutlich beim Druck auf den Startknopf rechts neben dem Lenkrad. Ein kurzes Fauchen, das schnell in ein leichtes Grollen mündet. Der M4 klingt schon in Stand ganz anders als die anderen Bayern.

Unser Testwagen wird per 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe geschaltet, ein 3900 Euro teures Muss in der Aufpreisliste. Es harmoniert perfekt mit der Herde von Rassepferden vor der Windschutzscheibe, zügelt sie beim Bummeln im Ausflugsverkehr oder gibt ihnen die Sporen, wenn der Gasfuß mal wieder juckt. Außerdem drückt die Automatik den Normverbrauch auf 8,7 Liter pro 100 Kilometer. Der serienmäßige Sechsgang-Handschalter braucht fast einen halben Liter mehr. Dennoch erweist sich der Wert wieder mal als schöne Illusion. Denn wer die zwei Turbolader bei Laune hält, die versprochene Beschleunigung von 4,4 Sekunden auf 100 km/h erleben will oder mit Tempo 250 auf die elektronische Begrenzung trifft, muss mit einigen Litern mehr an Spritkonsum büßen.

BMW M4 Cabrio für Boulevard und Rennstrecke

Für 400 Euro ist ein Nackenföhn im BMW M4 Cabrio
Für 400 Euro ist ein Nackenföhn im BMW M4 Cabrio © BMW

Wobei das sanfte Gleiten unter blauem Himmel oder durch die Szeneviertel der Großstadt auch in einem Kraftprotz Spaß machen kann. Die beiden möglichen Fondpassagiere werden es danken, nicht ständig mit zugekniffenen Augen dem Fahrtwind-Orkan trotzen zu müssen. Ist man zu Zweit unterwegs, erweist sich das Windschott (360 Euro extra) als hilfreich. Weitere 400 Euro werden fällig, wenn warme Luft aus dem Sitz in den Nacken geblasen werden soll. So gerüstet, ist das Offen-Erlebnis auch in einem Auto mit über 400 PS ein Genuss. Und bietet die beruhigende Überlegenheit, eben mal schnell einen Laster hinter sich lassen zu können. Wer ständig am roten Bereich des Drehzahlmessers kratzen will, wird sich doch wohl eher für eine geschlossene Rakete entscheiden.

Dabei eignen sich die Fahreigenschaften des Cabrios in besonderer Weise auch für einen Ausflug auf die Rennstrecke. Die zusätzlichen Pfunde sind für Alltagsfahrer kaum spürbar, Lenkung, Bremsen und Kurvenverhalten entsprechen dem hohen Standard, der von den Schwestermodellen bekannt ist. Auch dem offenen M4 spendierten die Ingenieure die elektronisch geregelte Lamellensperre an der Hinterachse, die vor allem beim Beschleunigen aus Kurven heraus zum Einsatz kommt. Je nach Mut des Nutzers kann die Sperrwirkung eines einzelnen Rades bis zu 100 Prozent erreichen.

BMW M4 Cabrio ab 78.200 Euro

100.000 Euro sind beim BMW M4 Cabrio schnell erreicht.
100.000 Euro sind beim BMW M4 Cabrio schnell erreicht. © BMW

Der fraglos genossenen Ausfahrt im Sport-Cabrio folgt die Ernüchterung beim Blick in die fast 30 Seiten dicke Preisliste. 78.200 Euro werden schon die die Basisversion fällig. Die Serienausstattung ist standesgemäß, enthält auch nette Gags wie ein beleuchtetes M-Logo in den Vordersitzen. Beim Beladen des beim Offenfahren leider nur 220 Liter kleinen Gepäckraumes hilft ein Mechanismus, der das zusammengeklappte Dachpaket ein Stück anhebt, um leichter z.B. ein Reisetasche verstauen zu können. Doch die vielen feinen, BMW-üblichen Extras verlocken zum tieferen Griff in die Haushaltskasse. Alle bekannten Assistenzsysteme sind zu haben, dazu Internet-Anschluss, Rundumkamera oder auch die alleine 7300 Euro kostende Keramikbremse. Kein Problem also, das M4 Cabrio auf über 100.000 Euro zu hieven.

Die betuchten künftigen Eigner wird´s nicht stören. Wer nachrechnet, wird sich aber vielleicht eher mit dem ganz normalen 4er-Cabrio begnügen. Das gibt es schon ab vergleichsweise günstigen 42.900 Euro, ohne Extras allerdings. (SP-X)






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