14. September 2010

Fahrbericht Seat Alhambra 2.0 TDI CR Die Alhambra-Mission

Kleine Unterschiede an Kühlergrill, Front- und Heckleuchten zum VW Sharan
Kleine Unterschiede an Kühlergrill, Front- und Heckleuchten zum VW Sharan © Foto: Seat

Die Unterschiede zwischen den baugleichen und nun neu startenden Seat Alhambra und VW Sharan sind nicht groß. Sie haben gleichwohl ihre strategische Bedeutung. Es gilt das VW-Abstandsgebot.




Von Martin Woldt

Anders als bei den Kompaktvans misst man bei Volkswagen der Differenzierung bei den größeren Familienvans geringere Bedeutung bei. Auch der neue, Anfang Oktober startende, Seat Alhambra betritt wieder als Klon des VW Sharans die Bühne. Das muss man nicht zu seinem Nachteil auslegen. Ihm fällt offensichtlich die Mission zu, jene Kunden einzufangen, denen VW quasi zu angepasst, vielleicht auch überteuert erscheint. Das Segment ist aus Herstellersicht kompliziert. Etliche Kunden sind mit den kleineren Kompakten wie dem Touran oder den Renault Scenic sehr gut bedient. Andere schwören auf VWs Multivan, der sich als familientauglicher Großraumkreuzer schon lange viele Freunde gemacht hat. Mit 4,89 Meter beginnt in er etwa da, wo sich Sharan und eben auch Alhambra nun mehr aufstellen.


Aufgewertete dritte Reihe

4,85 Meter, 22 Zentimeter mehr als der Vorgänger, misst auch der Spanier. Und er ist ebenso um neun Zentimeter auf 1,90 in die Breite gegangen. Die Höhe hingegen wurde um Nuancen auf 1,72 Meter reduziert. Das vermittelt neben mehr Platz vor allem eine bessere Straßenlage. Die Entwicklung ist nicht zuletzt den Trendsettern Ford S-Max/Galaxy geschuldet, die ja schon seit 2006 zeigen, dass selbst Großraumschiffe viel Auto verkörpern können.

Obwohl es ja auch bei den Kompaktvans siebensitzige Varianten gibt, vermittelt erst diese Klasse das Gefühl, in der dritten Sitzreihe würde man wirklich ernst genommen. Das Einsteigen in die dritte Reihe ist einfacher geworden. Die neuen Schiebetüren gleiten fast bis an die C-Säule und geben einen hinreichend breiten Trittspalt zwischen den leicht nach vorn bewegbaren Außensitzen der zweiten Reihe frei. Noch beim ersten Alhambra musste man ganz hinten die Knie steil anwinkeln. Jetzt sind beide Einzelsitze etwas angehoben auch für Erwachsene akzeptabel. Ihr Knieraum profitierte vom um acht Zentimeter gestreckten Radstand (2,92 Meter). Der Aufpreis von 1440 Euro für die dritte Reihe ist günstiger als beim Sharan (1535 Euro).

Verringeter Quengelfaktor

Für Kinder ab drei Jahren lassen sich in der zweiten Reihe auf Wunsch in den Außenplätzen integrierte Kindersitze ordern. Sie werden mit einem Handgriff aus der Sitzfläche herausgeklappt. Das entspannt nicht nur das Ein-und Aussteigen, es verschafft den Zwergen auch eine deutliche bessere Sicht und senkt den Quengelfaktor. Auch diese Kindersitze bietet Seat (beide 380 Euro) günstiger als VW (480 Euro) an.

Wie man insgesamt sagen muss, dass das neue Innenraumkonzept, einen deutlichen Qualitätssprung gegenüber dem Vorgänger darstellt. Wer im alten Alhambra den Frachtraum für etwas anderes als die Familie brauchte, musste die nicht eben leichten Rücksitze ausbauen. Jetzt reichen zwei drei Handgriffe und inklusive Beifahrersitz liegt alles flach. Bei einer so bis ans Cockpit reichenden Ladetiefe von 2,95 Meter (2,11 Meter bis zu den Vordersitzen) macht auch das längste Ikea-Regal keine Schwierigkeiten mehr.

Differenzierte Extras

Zwischen 300 und 2297 Liter Stauraum stehen dem Siebensitzer zur Verfügung. Kann man beim Sharan fürs sichere Verstauen der Ladung Extradetails wie das Gepäcknetz oder Befestigungsschienen einzeln und damit etwas günstiger ordern, ist man bei Seat wenn dann auf das gesamte Gepäckraumpaket (240 Euro) angewiesen. Soviel Ladefreiheit ist natürlich eine Einladung. Bei einer Ladekantenhöhe von 67 Zentimeter gibt man ihr gerne nach, muss aber etwas auf die gleichauf liegenden Kante des Stoßfängers achten, der schnell verkratzen könnte, was die Heckklappe nicht mehr verdeckt.

Diese im Übrigen besitzt auf Wunsch einen elektrischen Türmechanismus, der sich an der Mittelkonsole und an der Klappe selbst betätigen lässt. Er ist Teil des ebenfalls optionalen elektrischen Öffnungspaketes der hinteren Seitentüren und kostet 900 Euro Aufpreis. Im Sharan wiederum lässt sich beides voneinander trennen. Elektrische Schiebetüren allein verlangen 715 Euro extra, zusammen mit dem Elektroöffner der Heckklappe werden 1280 Euro aufgerufen.

Lücken im Blickfeld

Die Innenraumvariabilität wird Eindruck machen, zumal auch noch etwa 30 Ablagen ringsum für Ordnung sorgen. Das Cockpit ist im typischen Seat-Schwarz mit den dezent rot abgesetzten Applikationen und Beschriftungen gehalten. Das ist übersichtlich und bedienfreundlich, allein der Navigationsbildschirm könnte höher und damit näher am Blickfeld des Fahrers positioniert sein. Der aber - volkswagentypisch - alles Wesentliche auch noch einmal zwischen Geschwindigkeitsanzeiger und Drehzahlmesser eingeblendet bekommt. Die Rundumsicht ist gut, wenngleich die A-Säule durch ihren flachen Anstieg weiterhin nicht unerhebliche Lücken im Blickfeld provoziert.

Zahlreiche Assistenten

Für Fahrer, denen angesichts der üppigen Länge das Zutrauen zu den eigenen Einparkfähigkeiten schwindet, hat auch Seat einen ultraschallgesteuerten Fahrassistenten ab 480 Euro im Programm. Er vermisst Parklücken längst wie quer zur Fahrbahn und übernimmt die Lenkradeinschläge und Abstandsmessungen beim Eintauchen in die Parkgasse.

Beim Sharan kostet der Helfer immerhin 840 Euro extra. Ähnlich sieht es bei der aktiven Fahrwerksregelung für unterschiedliche Dämpfereinstellungen aus: bei Seat 570 Euro, bei VW 750 Euro. Die permanente Anpassung an die Fahrbahn gibt es beim Alhambra gar nicht. Aber eine ausklappbare Anhängerkupplung steht für 770 Euro in der Liste, für die VW beim Sharan 860 Euro zusätzlich verlangt.

Muntere Motorisierung

Sportlich orientierte Interessenten finden bei beiden Varianten Doppelkupplungsgetriebe, das beim Alhambra wie beim Sharan in Verbindung mit einem 2.0 TDI angeboten wird. Die von uns gefahrene Version mit 103 kW/140 PS war munter drauf, obwohl kaum zu hören. Gilt als die mit 5,5 Liter Verbrauch sparsamste Motorisierung im Programm. Wie alle anderen Aggregate kann sie den Motor beim Ampelstopp automatisch an- und ausschalten. Außerdem spart sie beim Bremsen und Ausrollen, weil die Bewegungsenergie dabei die Batterie lädt.

Die Maschine ist bei 10,9 Sekunden von null auf hundert und kommt auf 194 km/h in der Spitze. Am Steuer bekommt man von den Trägheitsmomenten des gut 1,8 Tonnen schweren Aufbaus dank der 320 Newtonmeter Drehmoment nur wenig mit. Der Alhambra bewegt sich sehr vertrauenserweckend.

Unterschiedliche Aufpreislisten

Das macht den Preis von 31.450 Euro, den Seat für den Alhambra mit fünf Sitzen in dieser Kombination verlangt, kaum verdaulicher. Mit 25 PS weniger gab es bisher Diesel samt Automatik für 30.390 Euro. Aber das war in der Tat ein anderes Auto.

Wer sein Budget mit unter 30.000 Euro veranschlagt, muss sich den 1.4 TSI-Motor mit 110 kW/150 PS näher anschauen. Der beginnt als Fünfsitzer bei 27.500 Euro. Und auch hier gilt das Volkswagenabstandsgebot. 28.875 Euro würde man für einen ähnlichen Wolfsburger hinblättern. Der Unterschied zwischen Alhambra und Sharan liegt wohl weniger im Auto an sich. Der VW ist in zahllosen Details viel stärker individualisierbar. Seine Aufpreisliste ist vier Mal so lang wie die seines spanischen Klons.






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