17. September 2012

Fahrbericht Fahren oder fahren lassen Rolls-Royce: Ghost trifft Phantom

Der Rolls-Royce Phantom sollte eher von Profi-Chauffeuren gefahren werden.
Der Rolls-Royce Phantom sollte eher von Profi-Chauffeuren gefahren werden. © Rolls-Royce

Rolls-Royce hat den Phantom und den Ghost überarbeitet. Während der kleinere Geist knapp über der Oberklasse rangiert, ist der Phantom eine reine Chauffeurslimousine.




Von Jens Meiners

Viele Jahre lang waren Rolls-Royce und Bentley Zwillingsbrüder - doch nach einer Übernahmeschlacht vor einem guten Jahrzehnt trennten sich die Wege. Bentley profilierte sich unter VW-Ägide sportlich; Rolls-Royce hingegen orientierte sich als Teil des BMW-Konzerns nach ganz oben. Und zwar mit einer Luxuslimousine, die sich schon per Nomenklatur in die Tradition der extrem anspruchsvollen Phantom-Baureihe einsortierte. Für Selbstfahrer war Rolls-Royce damit kaum noch ein Thema - zu ausladend und massiv ist der majestätische Viertürer geraten. Doch mit dem etwas kompakteren Ghost richtet sich die Marke auch an Kunden, die selbst ins Steuer greifen möchten.


Rolls-Royce Phantom wie eine Kathedrale

Wertvolle Hinweise auf die Ausprägung der Charaktere lassen sich schon der Formgebung beider Limousinen entnehmen. Wie eine Kathedrale wirkt die Karosserie des Phantom, und diese Eindruck unterstreichen die Modifikationen des aktuellen Jahrgangs. Die Frontpartie wirkt noch geometrischer, ein gleißender Lichtbalken prägt die neue Scheinwerferoptik. In den Augen mancher Betrachter streift der monumentale Stil des Phantom das Karikaturhafte; dazu tragen auch seine Dimensionen bei. Man sitzt auf Augenhöhe mit den Transportern und Kleinbussen dieser Welt und trägt darüber hinaus noch eine gewaltige Motorhaube vor sich her.

Anders im Ghost: Dessen Dimensionen befinden sich zwar am oberen Rand der etablierten Oberklasse, sprengen aber nicht ihren Rahmen. Die Flächen sind spannungsreicher als beim Phantom ausgestaltet, die Schulterlinie fällt vielleicht etwas zu stark ab, die Heckansicht ist bullig und kraftvoll. Vor allem dann, wenn die zwei auffälligen Auspuffblenden dazu bestellt werden, was sich bislang kaum ein Kunde verkneifen konnte.

Rolls-Royce Phantom verzichtet auf neue Assistenzsysteme

Im Rolls-Royce Ghost greift der Eigentümer eher zum Lenkrad
Im Rolls-Royce Ghost greift der Eigentümer eher zum Lenkrad © Rolls-Royce

Zwar bereitet es auch im Ghost keine besondere Freude, Parkhäuser und enge Innenstädte zu frequentieren, doch es erfordert auch keine Ausbildung zum Chauffeur oder Lkw-Fahrer. Diesbezüglich unterscheidet sich der kompaktere Rolls-Royce nicht von etablierten Luxuslimousinen vom Schlage eines BMW 7er oder Audi A8. Im Gegensatz zum Phantom: Das Plus von 44 Zentimetern Länge und fünf Zentimetern Breite gegenüber dem Ghost sind eine Differenz, die ihn zumindest in Europa für viele Parkmanöver disqualifiziert.

So liegt es in der Natur der Sache, dass der Phantom viel häufiger als Chauffeurslimousine genutzt wird als der Ghost. Wohl deshalb legen die Briten beim Phantom weniger Wert auf die neuesten Assistenzsysteme als beim kleineren und jüngeren Bruder. Der Phantom wird schließlich von Profis gefahren, und die brauchen keine Rundum-Kameraüberwachung oder eine Extra-Einladung, um die Fahrspur zu halten. Sie werden jedoch dankbar dafür sein, dass die Fahrzeugbegrenzungen dank der kantigen Formgebung ungewöhnlich gut einsehbar sind.

Rolls-Royce leistungsmäßig stärker als früher

Der Rolls-Royce Ghost gewinnt auch Ampelstarts
Der Rolls-Royce Ghost gewinnt auch Ampelstarts © Rolls-Royce

Die dynamischen Fähigkeiten beider Modelle liegen auf hohem Niveau. Sie basieren konzeptionell auf der BMW 7er-Reihe, und unter der Haube steckt in beiden Fällen ein V12-Motor, der vom größten BMW-Aggregat abgeleitet und an eine Achtgang-Automatik aus dem ZF-Baukasten gekoppelt ist. Im Phantom arbeitet nach wie vor ein Saugmotor mit 6,7 Litern Hubraum und 460 PS; der Ghost wird von einem 6,6-Liter-Triebwerk mit Biturbo-Aufladung und 570 PS angetrieben. Beide Motoren arbeiten extrem laufruhig, bei Vollgas wird das Flüstern zumindest im Ghost melodisch diskret unterlegt. Die Achtstufen-Wandlerautomatik wechselt die Gänge sanft und unmerklich - und das ist auch gut so, damit die pausenlosen Übersetzungswechsel empfindliche Fahrgäste nicht in Unruhe versetzen.

Auf Beschleunigungsduelle hat sich ein Rolls-Royce früher - als man die unspektakulären Leistungswerte noch mit dem Wort "genügend" umschrieb - nicht eingelassen. Emporkömmlinge in frisierten Kleinwagen, die beim Ampelstart die soziale Hierarchie auf den Kopf stellen wollten, ließ man weiland mit stoischer Attitüde davonziehen. Diese angesichts der eher bescheidenen Fahrleistungen gebotene Zurückhaltung braucht sich der Fahrer eines Rolls-Royce heute nicht mehr aufzuerlegen. Bei Vollgas schießen die gewichtigen Luxuslimousinen mit einer derartigen Wucht nach vorne, dass Picknickkörbe, Laptops und Champagnergläser haltlos umherfliegen, sofern sie vorher nicht sorgfältig fixiert wurden. Und wenn das Gaspedal im turbobeflügelten Ghost bei 200 km/h noch einmal in den hochflorigen Teppich gedrückt wird, werden neugierige Verfolger wie lästiges Ungeziefer abgeschüttelt.

Ungewöhnlicher Einstieg in den Rolls-Royce

Keine Wankbewegungen erlaubt sich der Rolls-Royce Phantom
Keine Wankbewegungen erlaubt sich der Rolls-Royce Phantom © Rolls-Royce

Die Klasse der bajuwarisch-englischen Allianz erweist sich auch auf der Landstraße, wo sich trotz der äußerst komfortbetonten Auslegung mit beiden Limousinen hohe Kurvengeschwindigkeiten erzielen lassen. Wichtiger ist jedoch das Gefühl, von den Zumutungen der Außenwelt - ob nun Großstadtlärm oder mangelhafte Leistungen der Straßenbauer - praktisch vollständig entkoppelt zu sein. Das gelingt beiden Limousinen, dem Phantom noch etwas besser, und zwar ohne jenes Wanken und Nachschwingen, das man bei Luxuslimousinen nichtdeutscher Provenienz früher für unvermeidlich hielt.

Ungewöhnlich ist der Einstieg in den Fond eines Rolls-Royce, denn die Portale öffnen sich nach vorn, woran man sich erst einmal gewöhnen muss. Der aufrechte Einstieg nach hinten, gefolgt von einer Körperdrehung um fast 180 Grad, funktioniert beim hochbauenden Phantom deutlich eleganter, wenngleich sich der Sinn dieser Übung auch hier nicht ganz erschließt. Dafür sitzt man im Fond unvergleichlich bequem. Feinste Hölzer und Lederbezüge umschmeicheln Augen und Nase, profaner Kunststoff ist nirgendwo sichtbar. Die Materialien sind im Phantom nochmals aufwendiger gefertigt, was die Marke ihren Kunden gerne im Rahmen einer Werksführung nahebringt. Denn ob eine Holzleiste nun in zahlreichen Schichten ausgeführt ist oder auf einen Alu-Träger aufgebracht wurde, ist interessant zu wissen - zu sehen und zu spüren ist davon nichts.

Wohnzimmeratmosphäre im Rolls-Royce Phantom

Der Rolls-Royce Ghost kostet die Hälfte vom Phantom
Der Rolls-Royce Ghost kostet die Hälfte vom Phantom © Rolls-Royce

Das Platzangebot jedenfalls ist im Phantom nochmals großzügiger als im Ghost. Die Fondpassagiere haben Fahrer und Umgebung hervorragend im Blick, können sich aber auch diskret ins Eck zurückziehen. Im Topmodell wird tatsächlich Wohnzimmeratmosphäre geboten; die Dimensionen im Passagierabteil des Ghost sind weniger spektakulär. Auch das Cockpit des Ghost ist vielleicht etwas gewöhnlicher als im Phantom ausgeführt. Die Anordnung der Skalen und Bedienflächen sowie die stilistische Ausführung ist beim Ghost schwungvoller und verspielter, wie es eben den meisten Autobesitzern heute gefällt. Die Armaturentafel des Phantom ist hingegen streng geometrisch ausgeführt. Sie erinnert an Art-Deco-Möbel - und leider auch ein bisschen an die letzte Generation des BMW 7er. Zum Beispiel mit dem gefürchteten Acht-Wege-Bedienknopf für das iDrive-System - hier hat er überlebt.

Damit jedoch wird sich - es wurde bereits gesagt - in den meisten Fällen nur der Chauffeur herumplagen müssen. Für Selbstfahrer kommt ein Phantom vielleicht in den USA in Frage, wo sich die Städte und Straßen historisch bedingt an Fahrzeugen seiner Größenklasse orientieren. Wer in Europa einen Rolls-Royce fahren möchte, der ist mit dem etwas kompakteren Ghost jedoch deutlich besser bedient. Zudem kostet er nur rund die Hälfte. Das so eingesparte Geld lässt sich zum Beispiel in das markeneigene "Bespoke"-Programm investieren. Damit wird jeder Rolls-Royce zum Unikat. Mehr als die Hälfte der Ghost-Kunden und fast alle Phantom-Kunden nehmen das Angebot in Anspruch. Man will sich ja nicht an jeder Ecke selbst begegnen. (SP-X)






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