Knutschen auf dem Flokati

Nissan Cube

Einige Einheiten des Cube werden in die Werkstatt zurückbeordert © Foto: press-inform

In Japan hat der Nissan Cube schon Kultstatus erlangt. In mitteleuropäischen Gefilden muss das Würfel-Auto erst noch seine Qualitäten und seine Philosophie unter Beweis stellen.

Von Thomas Flehmer

Bisher haben die Italiener das Klischee noch exklusiv gehabt. Wenn dem jungen Luigi die Wollust überkam, verabschiedete er sich von seiner Mama, um mit Francesca und dem Auto ans Meer zu fahren und dort mehr als nur dem Sonnenuntergang zu frönen. Doch nun gerät die vermeintliche Vormachtstellung ins Wanken und heraus kommt doch, was ein deutscher Spielfilm schon 1995 proklamierte: Japaner sind die besseren Liebhaber. Doch nicht nur für die Amore scheinen die Söhne Nippons besser gerüstet zu sein als die italienischen Galane. Auch auf dem mobilen Sektor können sie zumindest seit 1998 mehr bieten.

Chillfaktor für die Sternschnuppen

Denn vor mittlerweile zwölf Jahren fuhr Nissan die erste Generation des Cube an den Start. Das würfelförmige Auto dient seitdem dem stauerprobten und verliebten Japaner, der ebenso wie Luigi vor Mama Leone flüchten muss, als Liebesnest. Denn dafür bietet auch der Cube der nunmehr dritten Generation gute Voraussetzungen. Dank der nicht gerade stromlinienförmigen Ausmaße mit einer Höhe von 1,67 Metern schwillt auch im Innenraum der Platz an, sodass auch sehr groß gewachsene Personen es sich bequem machen können. Die Rücksitzbank ist mit flauschigem Stoff versehen und erinnert an Omas gemütliches Sofa samt Flokati in der Gartenlaube, das auch als Liebesnest herhalten musste, wenn Oma mit dem Fahrrad zum Markt gefahren war.

Wer nicht nach hinten wechseln möchte, hat auch auf den beiden vorderen Sitzen flauschiges Plüsch als Oberfläche und kann durch das serienmäßig angebotene Panoramadach nach Sternschnuppen Ausschau halten. Der Lümmel-Komfort auf den Sitzen hat auch seinen Nachteil, denn Seitenhalt ist kaum vorhanden. Aber auch das gehört zur Philosophie des Cube, der Entschleunigung - sprich eine bewusste Langsamkeit - in den Alltag bringen soll. Im heutigen Deutsch soll das Würfelauto mal mächtig chillen. Und mit einem Kastenwagen werden die Kurven eh nicht rasant angegangen.

Bulldogge und Kühlschranktür

Sehr viel Plastik im Blickfeld Foto: Nissan

Doch die komfortable Atmosphäre entschleunigt sich schnell, wenn der Blick von dem jeweiligen Partner weg in Richtung Armaturenbrett sich wendet. Dort breitet sich eine Plastikwüste aus, die selbst durch die gut beleuchteten Instrumente samt kleinem Navi in der Mitte und dem ebenfalls flauschigen Flokatiausschnitt auf dem Armaturen, der als Handyhalterung dient, nicht aufgewertet werden kann.

Immerhin ist die Rundumsicht gegeben - was bei aktuellen Modellen nicht immer der Fall ist - so dass auch der Würfelcharakter von innen wahrgenommen werden kann. Dabei ist die dritte Generation des Cube , der nun zum ersten Mal nach Europa kommt, schon sehr viel rundlicher als seine Vorgänger. Den Kastencharakter kann und will der Cube aber nicht verbergen. Denn auch hier wurden Anknüpfungspunkte an das Heim geknüpft. Die Frontpartie des 3,98 Meter langen Cube soll an eine Bulldogge mit Sonnenbrille erinnern, sprich den Haushund, die Heckklappe an die Tür eines amerikanischen Kühlschranks.

Hohe Ladekante

Kleiner Kofferraum Foto: Nissan

In der Tat fällt der Cube durch sein extravagantes Design auf und der Blickfang ist das asymetrische Heck mit der um die Ecke gezogenen Heckscheibe. Das Design polarisiert wird selbst Kunstbanausen am Beispiel des japanischen Kastenwagens klar. Hier heißt Lifestyle nicht unbedingt Schönheit, sondern auffallen um jeden Preis. Denn auch der Schriftzug Cube muss noch am Heck sichtbar sein, erhöht damit aber auch die Ladekante und erschwert die Zuladung. Allerdings passen bei einem Ladevolumen zwischen 260 und 410 Litern auch nicht gerade unförmige und große Dinge in den Kofferraum. Und auch die Bank kann nur einmal geklappt werden, sodass keine ebene Fläche entsteht.

Aber für praktische Dinge ist der Cube auch nicht geschaffen. Er soll eher in der Lifestyle-Liga zwischen Toyota iQ und Mini herumstreunern. Dafür erhielt der Cube - trotz der Philosophie der Langsamkeit - einen 1,6 Liter großen Benziner mit 80 kW/110 PS aus dem Regal von Allianz-Partner Renault. In der Stadt ist der Cube damit sehr fix unterwegs und auch über Land reicht es noch bis Tempo 175 km/h. Die Gänge lassen sich leicht einlegen und fördern so den Fahrgenuss der auch im Fahrwerk komfortabel ausgelegten mobilen Kiste. Den Verbrauch des 1,2 Tonners gibt Nissan mit 5,2 Litern auf 100 Kilometern an, was einem CO2-Wert von 135 Gramm pro Kilometer entspricht.

Teures Liebesnest

Extravagantes Heck Foto: Nissan

Extra für die Ansprüche in Europa erhält der Cube auch einen 1,5 Diesel, ebenfalls aus dem Renault-Regal, ebenfalls mit 110 PS. Rund 15 Prozent aller Verkäufe sollen auf die mindestens 20.000 Euro teure Dieselversion fallen. Die Benzinliebhaber, und das werden rund 85 Prozent aller Käufer sein, steigen 2000 Euro früher ein, 15 Prozent von ihnen werden eine 1500 Euro teure Automatik für den Wagen ordern, damit auch schon während der Fahrt zum Meer die Liebkosungen ausgetauscht werden können.

Rund 2000 Liebhaber sollen in diesem Jahr in Deutschland den Lockungen des mobilen Würfels erlegen. Doch angesichts des hohen Einstiegspreises wird der noch juvenile Galan trotz der Vorteile des japanischen Liebesnestes wohl dem Modell aus heimischer Produktion den Vorzug geben, wenn das Portemonnaie nicht so viel hergibt. Anstatt mit dem Cube an den Pazifik fährt Luigi dann eher mit dem Fiat 500 an den Strand von Palermo.