13. Januar 2009

Fahrbericht Großer Geländewagen Mercedes ML 450 Hybrid: Spät, aber elektrisch

Mit der hybriden ML-Klasse durch Detroit
Mit der hybriden ML-Klasse durch Detroit © Foto: Daimler

Seit einem Jahr sind die großen US-Geländewagen mit Hybridtechnik auf dem Markt. Im Herbst kommt die elektrifizierte Mercedes ML-Klasse. Eine erste Ausfahrt.




Von Stefan Grundhoff

Es ist kalt in den Tagen von Detroit. Die Straßen sind verschneit und ein Geländewagen ist genau das richtige in dieser Gegend. Allen Unkenrufen zum Trotz lieben die Amerikaner ihre SUV. Besonders begehrt sind deutsche Modelle, wie Mercedes ML- oder GL-Klasse oder das BMW-Doppel aus X5 und X6. Doch beide Hersteller bekommen mit ihren sparsamen Dieseln in den USA bisher kein Bein auf den Boden. Endlich: Im Spätsommer sind hier wie da die Hybridversionen fertig. «Wir sind zwar nicht die ersten», so Mercedes-Chefentwickler Neil Amstrong, «haben mit dem Mercedes ML 450 Hybrid aber den besten Hybriden.» Mutige Worte für einen Hersteller, der den insbesondere in den USA so wichtigen Hybridzug verschlafen hat und sich teuer bei General Motors einkaufen musste, um dem Hybridtrend hinterherzuhecheln. Zu erkennen ist der Teilzeit-Elektriker an einer bauchigeren Motorhaube, den Schriftzügen an Heck und Armaturenbrett und dem fehlenden Drehzahlmesser. Zusammen mit dem Informationsdisplay am Mitteltunnel kann man jederzeit verfolgen, woher die Kräfte gerade fließen.


Lautlose Arbeit

Die ersten Meter im Mercedes ML 450 Hybrid gehen gut an. Im Elektromodus rollt der rund 2,4 Tonnen schwere Hybride durch die wenig schmuckvolle Innenstadt von Detroit. Stau vor der nächsten Ampel, dahinter sieht es nicht viel besser aus. Hier im Innenstadtgewühl fühlt sich die in Tuscaloosa produzierte M-Klasse besonders wohl. Im langsamen Fahrbetrieb ist sie allein elektrisch und somit lautlos und sparsam unterwegs. Die ins Getriebe integrierten beiden Elektromotoren verrichten nahezu lautlos ihre Arbeit.

E-Motor Nummer eins leistet 67 Kilowatt und ist für den normalen Fahrbetrieb zuständig. Das zweite Elektrotriebwerk ist mit seinen 63 kW kaum weniger stark und für die Boost-Funktion zuständig. Wer zum Beispiel bei einem Überholvorgang oder beim Auffahren auf die Autobahn stark beschleunigt, hat die Kraft der drei Herzen und rund 250 kW / 340 PS im Rücken. Der 3,5 Liter große Benzinmotor und die beiden Elektromodule werfen dann alles in die Wagschale, was nur geht. Auf freier Straße zeigt der deutsch-amerikanische Allradler dann auf Pedaldruck seine ganze Dynamik. Weit weniger als der bauähnliche BMW X6 Hybrid, der mit ähnlichem Hybridmodul, jedoch auch einem über 400 PS starken Achtzylinder unterwegs ist; aber allemal kraftvoll.

Ersparnis bis 50 Prozent

In der Stadt können bis zu 50 Prozent eingespart werden
In der Stadt können bis zu 50 Prozent eingespart werden © Foto: Daimler

Hand in Hand wollen Mercedes ML und BMW X6 im Herbst Jagd auf japanische und amerikanische SUV-Konkurrenten machen. Zeitlich ist man spät dran - sehr spät. In den USA sind Fahrzeuge wie der Chevrolet Tahoe oder der GMC Yukon bereits seit einem Jahr mit Hybridantrieb zu bekommen. Vor einem halben Jahr zogen andere Modelle aus der Kooperation zwischen Daimler, Chrysler, BMW und General Motors nach. Dodge Durango, Chrysler Aspen oder der Cadillac Escalade sind ebenso wie Mercedes ML oder BMW X6 alle mit ähnlichen Elektromodulen unterwegs.

«Wir verkaufen bereits Modelle wie GMC Yukon, Chevrolet Tahoe oder Cadillac Escalade mit einem Vollhybridsystem. In Kürze werden wir auch die Pickup-Modelle Chevrolet Silverado und GMC Sierra als Vollhybriden anbieten und sind damit einmal mehr der einzige Hersteller im Segment», so ein GM-Sprecher, «wir erreichen damit im Stadtverkehr eine beeindruckende Spritersparnis von 50 Prozent.»

Unter acht Liter auf 100 Kilometer

Das Display zeigt an, in welchem Modus man sich befindet
Das Display zeigt an, in welchem Modus man sich befindet © Foto: Daimler

Trotz Aufpreisen von 7000 bis 10.000 Euro zum normalen Benziner und weiteren hohen Rabatten, die die Standard-SUV wie Chevrolet Tahoe oder Chrysler Aspen seit Monaten genießen, wurden so im vergangenen Jahr mehr als 10.000 Hybrid-Fahrzeuge bei GM abgesetzt. Im Realbetrieb lässt sich ein über drei Tonnen schwerer Groß-SUV wie der GMC Yukon mit rund elf Litern auf 100 Kilometern bewegen. «Für uns stand das Thema Sparsamkeit an erster Stelle», so Neil Amstrong, «wir rechnen beim ML 450 Hybrid mit einem Verbrauch unter acht Litern auf 100 Kilometern.»

Die Implementierung des knapp 250 Kilogramm schweren Elektromoduls ist gelungen. Sanft, kaum spürbar schaltet die M-Klasse je nach Bedarf zwischen Elektro- und Benzinantrieb hin und her. Ist der in der Reserveradmulde untergebrachte Akku voll geladen, kann man rund 2,5 Kilometer rein elektrisch fahren. Neben dem fehlenden Motorengeräusch spürt man das Hybridherz nur an der elektrischen Servolenkung.

Betagte Akkus

Es soll der beste Hybrid sein - laut Mercedes
Es soll der beste Hybrid sein - laut Mercedes © Foto: Daimler

Angesprochen auf die große zeitliche Verzögerung im Vergleich zu den US-Kooperationspartnern, ist Armstrong um eine Antwort nicht verlegen: «Wir haben ganz andere Ansprüche, wenn es um die Einbindung der Hybridkomponenten angeht. Wir verbauen ein anderes Getriebe und sind bei der Akkutechnik mindestens eine Generation weiter. Wir kühlen ihn mit Wasser.»

Doch gerade der Akku sorgt seit Projektbeginn für Gesprächsstoff. Während die neuesten Entwicklungen wie die Mercedes S-Klasse oder der 7er BMW mit einem modernen Lithium-Ionen-Akku unterwegs sind, liegt im Heck des Mercedes ML ein vergleichsweise betagter Nickel-Metallhybrid-Akku. Der ermöglicht zwar das rein elektrische Fahren, ist aber deutlich schwer und weniger effizient wie eine Batterie aus Lithium-Ionen. Die Akkutechnik ermöglicht zum anderen keinen Einsatz der bewährten Siebengangautomatik. So ist der hybride Mercedes ML mit einem stufenlosen CVT-Getriebe ausgestattet, dass in zwei Modi gefahren werden kann. Zum einen in einem reinen stufenlosen und besonders sparsamen Modus und mit einer etwas sportlicheren, achtgängigen Abstufung.

Preis noch nicht öffentlich

Rund drei Jahre hat die Entwicklung des ML in Auburn Hills gedauert. Derzeit laufen die letzten Testfahrten des ML 450 Hybrid zur Wintererprobung im eiskalten Minnesota. «Hier sind gerade Temperaturen von bis zu minus 30 Grad Celsius», so Armstrong.

Von den ehemals über 100 Mercedes-Ingenieuren arbeiten bis zum Verkaufsbeginn noch rund 75 weiter mit den Entwicklungskollegen von BMW, Chrysler und General Motors in der Region Detroit zusammen. Ob es nach dem Projekt gemeinsame weitere Hybridaussichten gibt, steht noch nicht fest. Das gilt auch für den Preis für den Mercedes ML 450 Hybrid, den Mercedes noch für sich behalten will.






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