23. November 2006

Fahrbericht Quattroporte und M5: Die Renn-Limos

Dickes Ende: Aus dieser Perspektive bekommt man BMW M5 und Maserati Quattroporte meist auf der Autobahn zu sehen
Dickes Ende: Aus dieser Perspektive bekommt man BMW M5 und Maserati Quattroporte meist auf der Autobahn zu sehen © Foto: Press-Inform

Die Kraft eines Super-Sportwagens vereinen BMW M5 und Maserati Quattroporte Sport GT mit großem Kofferraum und nutzbarer Rücksitzbank. Aber welcher Wagen ist für wen der richtige?




Von Stefan Grundhoff

Limousinen sind in der Regel abgrundtief vernünftige Autos: Mit genug Platz auch auf den Rücksitzen und großem Kofferraum zielen die Limos auf Familienväter und ältere Käufer, die der Meinung sind, dass ein Auto ein richtiges Heck braucht. Aufsehen? Eher nicht.

Der Schöne und der Starke

BMW M5 und Maserati Quattroporte sind da seltene Ausnahmen. Der Bayer ist einer der stärksten, der Quattroporte wohl der schönste Sportwagen mit einer real nutzbaren zweiten Passagierreihe. Und sie stehen für zwei Wege, ihre Kraft in Szene zu setzen: Während man mit dem Norditaliener im öffentlichen Straßenverkehr schon einmal Applaus auf offener Straße erwarten kann, steht der M5 für kraftvolles Understatement: Sieht er doch kaum anders aus als ein BMW 520d mit Magerausstattung.

Es sind nur die netten kleinen Details, die die 507 PS unter der Haube erkennen lassen. Da sind die tief herunter gezogene Frontschürze in der allerdings unverständlicherweise die Nebelleuchten fehlen. Wer genau hinschaut, erkennt dazu die leicht ausgestellten Kotflügel und die stilistisch zielsicher eingebrachten Lüftungskiemen hinter den vorderen Radhäusern. Am Heck verrät neben dem abbestellbaren M5-Schriftzug nur die vierflutige Auspuffanlage, welches Auto da gerade vor einem her fährt. Ganz ehrlich: nach über 500 PS und zehn wild trampelnden Zylindern unter der Motorhaube sieht der Sportbayer nun wirklich nicht aus.

Innere Werte: BMW und Maserati bieten 507 und 400 PS
Innere Werte: BMW und Maserati bieten 507 und 400 PS © Foto: Press-Inform

Der Maserati hat es einfacher aufzufallen. Er wurde nicht von einem bekannten Volumenmodell abgeleitet, sondern ist gerade optisch ein grandioser Sportwagen, der ungewöhnlicherweise eben zwei Türen extra hat - was dem Quattroporte auch seinen Namen verschafft hat. Der italienische Viertürer präsentiert sich zweigeteilt. Die Front mit dem verchromten Kühlergrill, der von zu kleinen Xenonscheinwerfern eingefasst wird, wirkt geradezu zierlich und feminin. Die überlange Motorhaube, der lange Radstand und besonders das kraftvolle Hinterteil präsentieren sich dagegen deutlich maskuliner. Doch von allen Seiten ist der Italo-Beau ein Hingucker - aus bekannten Gründen deutlich mehr, als es ein 5er BMW je sein kann.

Renn-Gene im Motorraum

Beide Konkurrenten bieten Frontmotor, Heckantrieb und Leistung im Überfluss. Das V8-Aggregat des Maserati liegt weiter hinten und das Getriebe arbeitet an der Hinterachse. Beides gut für das Handling und schlecht für den Innenraum. Zumal der BMW zeigt, dass eine normale Bauweise keinerlei Nachteile mit sich bringt. Aber vor allem charakterisieren sich BMW und Maserati über ihre eindrucksvollen Triebwerke. Auch hier gewinnt der Quattroporte die Optikwertung um Längen, beim Thema Leistungspotenzial muss er jedoch zurückstecken.

Italienische Wohnwelten: Der Quattroporte beweist Mut zur Farbe
Italienische Wohnwelten: Der Quattroporte beweist Mut zur Farbe © Foto: Press-Inform

Der V8-Saugmotor mit 4,2 Litern Hubraum ist bis zum neuen Coupé das Universalaggregat bei Maserati, leistet 294 kW/400 PS und 451 Nm Drehmoment. Die Fahrleistungen präsentieren sich noch eindrucksvoller, als sie sich lesen. Trotz zwei Tonnen Gewicht schafft die Limousine mit dem Dreizack den Spurt auf Tempo 100 in bissigen 5,2 Sekunden. Die maximale Geschwindigkeit liegt bei 275 km/h. Mehr Leistung als die anderen Quattroporte-Versionen hat der Sport GT übrigens nicht. Neben der leicht geänderten Optik sorgt aber ein geänderter Mittelschalldämpfer vor allem bei hohen Drehzahlen für einen noch eindrucksvolleren Sound. In engen Gassen und Unterführungen die Sünde pur.

An dem Triebwerk selbst hat sich seit Marktstart nichts getan. Statt einer Leistungsspritze wurde zuletzt am Abgasverhalten und Verbrauch gearbeitet. Euro4 und ein versprochener Durchschnittsverbrauch von knapp 16 Litern auf 100 Kilometer sind bei einem Motorsporttriebwerk in Kleinserie kein schlechter Wert - Lorbeeren lassen sich damit jedoch nicht ernten. Auch das M5-Triebwerk entstammt einer Kleinserie und BMW wird nicht müde zu betonen, dass der Hightech-Zehnzylinder zahlreiche Anleihen aus der Formel Eins in sich trägt. Das optisch unspektakuläre Herz ist fraglos eines der sportlichsten Aggregate, die abseits der Rennstrecken derzeit zu bekommen sind. Fünf Liter Hubraum, 507 PS und ein Hochdrehzahlkonzept, das einem immer wieder das Blut in den Adern pochen lässt. BMW hat die Höchstgeschwindigkeit allerdings auf 250 km/h begrenzt. Erst gegen Aufpreis lässt man den Wagen bis Tempo 305 rennen. Nicht wenige lassen ihrer Power-5er beim Tuner freimachen - dann sind rund 320 km/h drin.

Träge im Automatik-Modus

Den besseren ersten Fahreindruck kann der Maserati für sich verbuchen. Er hängt bissig am Gas, so als wolle er dem BMW zeigen, dass nur südlich der Alpen echte Sportaggregate entstehen. Das sequentielle Getriebe wurde zuletzt überarbeitet und soll nun 35 Prozent schneller arbeiten. Wer stakkato unterwegs ist, gibt Gas und lässt die Paddel lässig schnacken. Etwas ruppig für eine Luxuslimousine, aber allemal schnell. Ohne Sporttaste, bei langsamem Tempo oder gar im Automatikmodus sieht das ganze schon anders aus. Dann wünscht man sich dank allzu träger Zugkraftunterbrechungen eine etwas agilere Abstimmung herbei. Maserati hat das Flehen der Kunden inzwischen erhört und bietet diese ab Anfang des Jahres an.

Sachlich: Gegen die Rückbank des Maserati wirkt die des BMW ausgesprochen unscheinbar
Sachlich: Gegen die Rückbank des Maserati wirkt die des BMW ausgesprochen unscheinbar © Foto: Werk

Doch auch das sequentielle Getriebe des M5 ist im normalen Galopp alles andere als eine Bestbesetzung. Traurig denkt man zurück an den alten M5, der mit 400 PS und einer grandiosen Sechsgang-Handschaltung grenzenlosen Fahrspaß bereitete. Der Automatikmodus kann auch im BMW nicht überzeugen und mit niedrigen Drehzahlen sollte man den Bayern schon einmal gar nicht bewegen. Dass er über 100 PS mehr hat als der Quattroporte, mag man zunächst gar nicht glauben - weil der Nachschlag erst auf Knopfdruck serviert wird. Im Normalbetrieb ist der M5 ebenfalls mit 400 PS unterwegs. Dass das schon reichen könnte, glaubt man nur so lange, bis man die unscheinbare M-Taste am Steuer gedrückt hat. Der Unterschied ist mächtig und mit voller Leistung scheint der Schub keine Grenzen zu kennen. Von Tempo 160 bis 240 vergehen nur ein paar kurze Augenblicke und alles erinnert an eine Zeitreise. So schön und kraftvoll das Maserati-Triebwerk auch ist, der Italiener hat motorenseitig keine Chance gegen den M5.

Eine Frage der Prioritäten

Beim Fahrverhalten bieten beide Konkurrenten echtes Sportwagenflair. Die Feder-Dämpfer-Abstimmung ist bei Maserati und BMW gleichermaßen straff, aber alles andere als ruppig. Der Maserati wirkt eine Spur knackiger und kompromissloser - der BMW etwas massentauglicher. Einlenk- und Bremsverhalten ist tadellos und die Bodenhaftung scheint im Grenzbereich keine Grenzen zu kennen. Schleuderverhinderer sorgen dafür, dass es in schnellen Kurven oder bei abrupten Richtungswechseln keine böse Überraschung gibt. Im Sportmodus lassen beide etwas mehr zu. Dazu bieten beide sportlichen Luxus, hochwertiges Leder und sehenswerte Details. Der BMW ist nüchtern, der Maserati elegant und deutlich charismatischer. Das Platzangebot kann sich hüben wie drüben sehen und erleben lassen. Nicht nachvollziehbar ist jedoch, wieso sich der Quattroporte in punkto Sitzkomfort Blößen gibt: Beinauflage, Seitenhalt und Verstellmöglichkeiten sind deutlich schlechter als bei vielen deutlich preiswerteren Mittelklasselimousinen. Piloten über 1,85 Metern sitzen alles andere als gut. Auch Schalter, Knöpfe und das Navigationssystem des Maserati zeigen sich nicht auf der Höhe der Zeit.

Welcher ist besser? Das entscheidet der eigene Anspruch
Welcher ist besser? Das entscheidet der eigene Anspruch © Foto: Press-Inform

Im BMW-Leder fühlt man sich dagegen bestens aufgehoben. Alles denkbare lässt sich verstellen. Ähnlich wie bei Mercedes gibt es fahrdynamische Sitze für Fahrer und Beifahrer: In drei Stufen pressen sich die Seitenwände der Sitze in schnellen Kurven aktiv gegen die Zentrifugalkräfte. Eine prima Sache - wenngleich die dynamische Unterstützung etwas weniger plötzlich einsetzen könnte. Und das ganze kostet selbstverständlich Aufpreis - als ob ein BMW M5 mit knapp über 90.000 Euro nicht schon teuer genug wäre. Mit den standesgemäßen Extras liegt man so spürbar über der magischen 100.000er-Marke. Der Maserati ist kompletter ausgestattet, dafür fängt er als Sport GT aber auch erst bei 115.000 Euro an. Und auch hier kann man noch einiges draufsatteln.

BMW M5 oder Maserati Quattroporte? Am Ende ist es eine Frage der Individualität. Der Maserati ist das schönere Auto mit mehr Charme und einer verführerischen Individualität. Wer normative Maßstäbe und Alltagsnutzen bevorzugt, kommt am BMW M5 nicht vorbei.