10. Juni 2008

Fahrbericht Fahrbericht Lancia Delta 2.0 Multijet Die Sehnsucht des Grenzgängers

Lancia Delta 2008
Lancia Delta 2008 © Foto: Lancia

Mit ansprechendem Preis, attraktiver Optik und herausragendem Raumangebot soll der neue Lancia Delta verlorenes Vertrauen in die Marke gerade in Deutschland zurückgewinnen.




Von Martin Woldt

Mit welcher Sehnsucht Lancia zurück in den Fokus der öffentlichen Wertschätzung strebt, wird Mitte Juli eine Aktion im Internet verdeutlichen. Gut einen Monat vor dem offiziellen Start des neuen Lancia Delta wird der Hersteller 50 Fahrzeuge mit einem speziellen Preisvorteil offerieren. Nach den Vorstellungen von Ferdinand Kaiser, Verkaufsdirektor bei Lancia Deutschland, werden die Kunden beim Internetkauf 1000 Euro günstiger fahren. Außerdem sollen sie nach drei Monaten ein Rückgaberecht erhalten, sollte ihnen das Auto nicht gefallen.


Eine Ansage in Deutschland

Tatsächlich ist der Preis eine der Schlüsselkategorien, mit der der neue Delta in Deutschland Fuß fassen soll. Während der Einstieg in Italien erst bei 21500 Euro gemacht ist, soll er in Deutschland schon unter 20000 Euro möglich werden. Offizielle Zahlen sind noch nicht genannt bekannt. Aber Kaiser sprach von einer «Ansage», die man in Deutschland machen wolle.

Mittelklasse-Platzangebot

Nun gibt die Preisstrategie allerdings nur den fiskalischen Teil der Botschaft wieder. Die konzeptionelle Seite des neuen Delta ist der Platz. Mittelklasse-Platzangebot zu Kompaktklasse-Preisen, so ungefähr könnte man beide Komponenten verknappen. Bei 4,50 Metern Länge entzieht sich das Auto etwas dem unmittelbaren Vergleich mit dem 30 Zentimeter kürzeren Platzhirsch VW Golf. Ist genauso lang wie die beiden Kombis der Renault Megane Grandtour oder der Volvo V50 (4,51 Meter), die aber beide keine verschiebbare Rückbank vorweisen können. 16 Zentimeter lässt sie sich im Delta auf der Längstachse verschieben und variiert den Kofferraum zwischen 380 und 465 Liter Stauvolumen. Allerdings bedeutet das bei maximaler Beinfreiheit nicht immer auch maximalen Komfort. Wer sich für eine Kombination mit Panoramdachfenster entscheidet, muss hinnehmen, dass, je weiter die Rückbank ausgefahren ist, das Dach den Kopfraum der Fondpassagiere einengt. Vier Zentimeter näher als ohne Glaskonstruktion rückt der Himmel an die Scheitel heran.

Eingeschränkt lastentauglich

Der Lancia Delta
Der Lancia Delta © Foto: Lancia

Wenn der Delta auch mit seinen Maßen in Kombi-Bereiche vorstößt, ein Lastenesel will er deswegen nicht unbedingt sein. Er basiert auf der gleichen Plattform wie der Fiat Bravo und bringt von daher auch dessen ungewöhnlich hohe Ladekante mit. Das ist beim Einladen schwerer Gegenstände kein Vergnügen. Zudem ergibt sich eine halbwegs ebene Ladefläche bei umgeklappter Rückbank nur mit einer optionalen, 150 Euro teuren Magic-Box, die den Niveauunterschied zwischen dem Ladeboden und den nicht gerade einfach zu klappenden Rücksitzen ausgleicht. Maximal 1190 Liter Stauvolumen sind mit umgeklappten Sitzen aufzufüllen. Da liegen die genannten Kombis mit 1600 Litern wie der Megane Grandtour doch deutlich darüber.

Ansehnliche Optik

Hinter dem Lenkrad gilt: sehen und gesehen werden. Beides gelingt mit dem Delta ausgesprochen gut. Der Kühlergrill, die serienmäßigen LED-Tagfahrscheinwerfer, die leichte Coupe-Linie, die runde, tiefgezogene Heckscheibe machen das Fahrzeug zum Hingucker. Innen wird die Eleganz etwas oberflächlicher. Was auf den ersten Blick noch wirkt wie gebürstetes Aluminium, ist auf den zweiten nicht überall sauber verklebte Plastik. Die von uns probierte Lederausstattung fühlte sich mit den Händen zunächst gut an. Der Druck auf die Oberschenkel nach etwas Fahrtzeit war weniger angenehm.

Moderne Motoren

Großzügiger Innenraum
Großzügiger Innenraum © Foto: Lancia

Das Motorenangebot des neuen Deltas ist auf der Höhe der Zeit. Kostensparend sind sämtliche Wartungsintervalle auf 35.000 Kilometer Laufleistung konzipiert. Zwar gibt es keine besondere Spritspartechnik im engeren Sinne. Aber die je drei Benzin- und Dieselaggregate werden alle samt mit einer Sechsgang-Handschaltung ausgestattet und mit Turbolader-Hilfe befeuert, dass auch schon aus kleinen Hubräumen ansehnliche Leistung entwickelt werden kann. So zaubert der neue 1,6 Liter Multijet-Turbodiesel bereits 300 Newtonmeter Drehmoment bei 1500 Umdrehungen. Er ist in 10,7 Sekunden von null auf hundert, erreicht in der Spitze 194 km/h. Sein Durchschnittsverbrauch wird mit 4,9 Litern auf 100 Kilometern angegeben.

Noch Feinschliff nötig

Markanter Kühlergrill
Markanter Kühlergrill © Foto: Fiat

Zum Marktstart im September sind zunächst nur je zwei Benziner bzw. Diesel im Angebot. Darunter ist auch der neue 2,0 Multijetdiesel mit 121kW/165 PS. Er besitzt ein ausgesprochen harmonisches Geräuschniveau und lässt sich selbst in den oberen Gängen noch sehr elastisch beschleunigen. Letzten Feinschliff könnte die Kupplung vertragen, die beim Gangwechsel ein in der allgemein angenehmen Akustik unpassendes Absetzgeräusch produziert. Die Lenkung wird bei hohen Geschwindigkeiten relativ eng, ohne allerdings allzu gereizt auf kleine Fahrfehler zu reagieren. Die Schaltung hingegen verharrt auf komfortablem Niveau und könnte ruhig etwas sportlicher abgestimmt sein. Denn mit 8,5 Sekunden für den Sprint von null auf hundert und einem maximalen Drehmoment von 360 Newtonmetern, das schon bei 1750 Touren anliegt, ist der Diesel durchaus kein Schleicher. In der Spitze erreicht er 214 km/h und notiert 5,3 Liter auf 100 Kilometern als Verbrauchswert in den Datenblättern.

Gehobene Serienausstattung

Mit sieben Airbags, Klimaanlage, Kurvenlicht und neuestem ESP soll auch die Serienausstattung in Deutschland hohen Ansprüchen gerecht werden. In der Optionliste stehen moderne Fahrerhilfen wie ein Einpark- und ein Spurhalteassistent, der zwischen 65 und 180 km/h mit leichtem Gegenlenkimpuls davor warnt, unbeabsichtigt die Mittel- oder Seitenlinien zu passieren.






Mehr zur Marke Lancia

Lancia

Vincenzo Lancia gründete 1906 das Unternehmen, das später die erste selbsttragende Karosserie kreierte. 1969 übernahm Fiat das Unternehmen, das besonders im Rallyesport Erfolge feierte. Seit 2009 gibt es eine enge Zusammenarbeit mit Chrysler, die allerdings den Niedergang der Marke nicht aufhalten konnte. Fiat-Chef Sergio Marcionne kündigte an, nur noch den Kleinstwagen Ypsilon anzubieten – und das auch nur noch in Italien.


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