29. April 2008

Fahrbericht Fahrbericht Ford Focus Turnier 2.0 D Von Sünde und Buße

Der Ford Focus Turnier
Der Ford Focus Turnier © Foto: Ford

Seit kurzem ist der überarbeitete Ford Focus Turnier bei den Händlern. Er hat deutlich an Profil gewonnen und leistet sich nur noch wenige Schwächen.




Von Martin Woldt

Zu den ungeklärten Geheimnissen der Firma Ford in den letzten 15 Jahre gehört die Frage, warum stets aufs neue der Versuch unternommen wurde, manch aufregendes Auto in ein derartig emotionsloses Blechkleid zu stecken? Dass man sich doch hin und wieder fragte, wie eigentlich der alttestamentarische Kalauer - «…und sie sündigten in einem fort» - all die Jahre überleben konnte. Mittlerweile hat der köllsche Sexappeal mindestens wieder Wolfsburger Niveau erreicht. Das im Gegensatz zu vor zehn Jahren deutlich attraktivere Kinetic-Design haucht in dem von uns getesteten Focus Turnier dem Kalauer aus der Bibel neues Leben ein.


Spitzenwert beim Kofferraum

Platz genug ist bekanntlich in der kleinsten Hütte. Hier aber entsteht bei umgeklappter Rückbank eine Fläche von 1,16 Meter Breite und 1,67 Meter Tiefe, über der sich ein Ladevolumen von 1546 Liter erhebt, solides Bergzelt-Niveau. Nicht dass, was man unter anderen Umständen eine Spielwiese nennen würde, aber doch ein Spitzenwert im Segment der kompakten Kombis, 51 Liter mehr als beim Golf Variant. Dem Raum hinter der Rückbank fehlen mit 503 Litern nur zwei Liter auf den Wolfsburger Wettbewerber.

Guter Sitzkomfort

Moderner Innenraum
Moderner Innenraum © Foto: Ford

Auch die Oberflächen in den neuen Ford-Generationen wehren sich längst nicht mehr dagegen, berührt zu werden. Kanten und Rundungen sind am richtigen Platz und gehorchen ästhetischer Zweckmäßigkeit. Der überarbeitete Focus Turnier besitzt ein sehr angenehmes Geräuschniveau, die laute Außenwelt wurde gut weggedämmt. Die Polster wahren einen sportlichen Eindruck, indem sie den Seitenhalt zumindest auf den Vordersitzen betonen, sind aber sonst eher auf Komfort ausgelegt. Auf dem auch in der Höhe anpassbaren Fahrersitz bekommt man einen guten Überblick nach allen Seiten und muss nur nach hinten Kompromisse machen. Dort bleibt der Blick allzu leicht zwischen abfallender Dachlinie und breiten D-Säulen hängen, erst recht wenn die Rückbankbesatzung das Grundschulalter schon eine Weile hinter sich hat. So dass es sich durchaus empfiehlt, den technischen Verlockungen eines Parkassistenten für 400 Euro extra besser nachzugeben.

Parkassistent empfohlen

Der Kombi im Allgemeinen ist häufig ein dankbarer Resonanzboden der Straße, den Focus Turnier aber im Speziellen lässt selbst grobes Koststeinpflaster kalt. Von dem, was die Räder hinnehmen müssen, kommt in den Sitzpolstern nicht viel an. Das Fahrwerk gehört traditionell zu den Stärken der Autos vom Rhein. Da macht dieser Turnier keine Ausnahme. Aber auch der aus dem Motorraum dringende Akkustik-Pegel ist wohl gefiltert. Empfindliche Ohren stört vielleicht das gelegentliche Knurren des Diesels, wenn er sich aus dem Drehzahlkeller aufschwingt, sonst aber lässt der Focus noch bei schneller Autobahnfahrt um 150 km/h unangestrengte Gespräche zu, ohne gegen Motorsound, Fahrtwind und Abrollgeräusche ankämpfen zu müssen.

Tadelloses Fahrwerk

Gelungene Seitenlinie
Gelungene Seitenlinie © Foto: Ford

Ob man das Fahrwerk auf Nässe oder in der Kurve herausfordert, das Auto bleibt trotz seiner Höhe von 1,50 Meter ziemlich gelassen und hält sicher die Spur. Schnelle Lastwechsel mit dem 1438 Kilogramm schweren Turnier gleicht das Fahrwerk wunderbar sanft aus. Die Zuladung beträgt 637 Kilogramm, was auch etwas über der des Golf Variant liegt. Die Lenkung wirkt fein austariert, ist weder gefühllos lässig auf den Windungen der Landstraße, noch zickig intolerant bei flotter Geradeausfahrt. Die Schaltwege des manuellen Sechsgang-Getriebes sind kurz und verzeihen auch allzu ungenau angesteuerte Druckpunkte.

Kleines Turboloch

Das 136 PS starke Dieselaggregat ist ein häufiger Reisebegleiter in einer Reihe aktueller Ford- und Volvomodelle. Er passt auch zum Focus Turnier, um ihn vor allem bei längeren Fahrstrecken einzusetzen. Nach kurzem Zögern im kleinen Turboloch kommt es ordentlich in Schwung und gibt fürs Überholen genügend Entscheidungsspielraum. Der Sprint von null auf hundert kommt in 9,5 Sekunden zustande. In der Spitze werden 203 km/h erreicht.

Keine Verbrauchshemmungen über 120 km/h

Etwas enttäuschend ist allenfalls, dass schon wenig mehr als bei 120 km/h ausreichen, um beim Verbrauch deutlich anzuziehen. Selbst im auf sparsam getrimmten sechsten Gang genügen bereits 20, 30 km/h darüber, um den Normwert zur Illusion zu machen.

Unser Überlandverbrauch lag entsprechend um die sechs Liter Diesel auf 100 Kilometer, als bei den angegebnen 4,7 Litern. Innerorts fiel es deutlich leichter in die Nähe des angegebenen Normverbrauchs von 7,2 Liter zu kommen. Da hilft auf der Landstraße eben nur an sich halten, was etwa mit einer Schaltpunktanzeige leichter wäre. Doch solcherlei spritsparende Helferlein hat die sonst umfangreiche Zubehörliste nicht zu bieten. Womöglich ist es sonst viel zu leicht, nicht nur in, sondern mit einem Ford zu sündigen. Der Einstiegspreis für den Focus Turnier mit 2.0 TDCi und serienmäßigen Rußfilter beträgt 23.000 Euro. Das ESP ist in der Serie inbegriffen.






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