25. Oktober 2012

Fahrbericht Kleinstes Modell Cadillac ATS: Untypischer Amerikaner

Der Cadillac ATS ist der kleinste Vertreter der Modellpalette.
Der Cadillac ATS ist der kleinste Vertreter der Modellpalette. © Cadillac

Mit dem ATS schickt Cadillac den kleinsten Vertreter der Modellpalette ins Rennen. Die Businesslimousine präsentiert sich dabei nicht nur beim Motor völlig unamerikanisch.




Countdown im Cadillac-Alphabet. Was mit C wie Cimarron bzw. Catera und mit B wie BLS nicht gelang, soll jetzt endlich im dritten Anlauf der ATS vollbringen: den Durchbruch in der sportiv angehauchten Premium-Mittelklasse, dort wo BMW 3er und Audi A4 dominieren. Zu den deutschen Händlern kommt die derzeit kleinste Cadillac-Reihe im Dezember, dies zu Preisen ab 37.500 Euro und damit mindestens 7000 Euro billiger als vergleichbare Audi oder BMW.


Untypischer Motor für Cadillac

Ganz untypisch für einen Amerikaner klassischer Bauart ist das einzige Triebwerk, mit dem der ATS hierzulande startet. Schöpft der Cadillac seine respektable Leistung von 203 kW/276 PS doch aus einem kleinen 2,0-Liter-Vierzylinder-Motor wie man ihn eher in einem Europäer vermutet.

Tatsächlich gibt es die 4,64 Meter lange Limousine mit sportlichem Anspruch auf dem Heimatmarkt auch mit einem 3,6-Liter-V6 und sogar ein fast 294 kW/400 PS starker ATS-V in der Liga von Mercedes-Benz C-Klasse AMG oder BMW M3 ist bereits in der Entwicklung. Bis zum Start dieses Leistungsträgers bleibt es in Deutschland beim Vierzylinder, der seine Kraft auf die Hinterräder überträgt oder gegen Aufpreis in 4x4-Ausführung bestellbar ist.

Cadillac ATS eng an deutschen Premiumprodukten

Der Cadillac ATS kann schnell begeistern
Der Cadillac ATS kann schnell begeistern © Cadillac

Ein alternatives Antriebslayout, das an den 3er BMW erinnert und tatsächlich orientiert sich der Cadillac auch bei der Fahrwerksabstimmung recht eng am Münchner Urmaß aller Sportlimousinen. Sogar sonst leidenschaftliche BMW-Fahrer werden im ATS nach nur wenigen scharf gefahrenen Kilometern auf kurviger Strecke feststellen: So nah am 3er war noch kein Amerikaner.

Der Cadillac glänzt durch eine ausgewogene Gewichtsverteilung von 50:50, Gutmütigkeit bei allen Tempi bis zum Eingreifen der elektronischen Regelsysteme, ein straffes Fahrwerk, das dennoch auch für die Fondpassagiere nicht unkomfortabel wirkt und die Gier nach scharfen Biegungen dank direkter und präziser Lenkung.

Soundstarker Vierzylinder im Cadillac ATS

Elf Liter Verbrauch erreicht der Cadillac ATS locker
Elf Liter Verbrauch erreicht der Cadillac ATS locker © Cadillac

Die ausgiebigen Abstimmungsfahrten des Cadillac-Entwicklungsteams auf dem Nürburgring scheinen Wirkung zu zeigen. Nur bei sehr forscher Fahrt über schnelle Straßen wirkt die Lenkung übersensibel. Dafür kann der Cadillac bei den Assistenzsystemen wie Head-Up-Display, Abstandstempomat oder Spurhalte- und Spurwechselwarner sowie intelligentem Bremsassistenten mit Kollisionswarner mit allen Klassenstandards aufwarten. Immerhin zählt Cadillac traditionell zu den Vorreitern bei der Einführung neuer elektronischer Helfer.

Eine Alleinstellung im Segment hat jedoch der soundstarke 2,0-Liter-Vierzylinder-Benziner mit einer Leistungsausbeute von 203 kW/276 PS. Um diesen Wert zu egalisieren oder zu übertreffen, müssen die deutschen Klassenführer Sechszylinder mit 3,0-Liter- (BMW und Audi) oder 3,5-Liter-Hubraum (Mercedes-Benz) vorfahren. Scheinbar verkehrte Welt, denkt man an die hubraumgewaltigen Cadillac von einst. Dennoch sind die deutschen Sechszylinder durchweg sparsamer im Verbrauch als der laut Norm 8,2 bis 8,6 Liter und bei Leistungsabruf leicht elf Liter pro 100 Kilometer konsumierende Vierzylinder-Cadillac.

Cadillac ATS als faszinierender Freudenspender

Der Kofferraum des Cadillac ATS ist klein ausgefallen
Der Kofferraum des Cadillac ATS ist klein ausgefallen © Cadillac

Noch genügsamer sind die deutschen Diesel, die in den Verkaufszahlen der Mittelklasse über 50 Prozent Anteil halten. Hier muss der Herausforderer aus der Neuen Welt vorläufig leider gänzlich passen. Nicht ganz mithalten kann der ATS auch bei den zur Wahl stehenden Getrieben. Die optionale Sechsgang-Automatik gibt sich betagt und kraftschluckend und das manuelle Sechsgang-Getriebe arbeitet weniger präzise und knackig als etwa das BMW-Getriebe.

Was aber alles nichts daran ändert, dass insgesamt auch der Cadillac ATS ein faszinierender Freudenspender ist. Die Rezeptur für neue Lust auf amerikanische Sportlichkeit in der Premium-Mittelklasse scheint stimmig: Freude bereitet die Formensprache des ATS im charakteristischen scharfkantigen Cadillac-Design (an das man sich allerdings bereits gewöhnt hat), Vergnügen bereitet der Blick auf die vergleichsweise günstigen Einstiegspreise. Genuss bereitet die Fahrt in der fein verarbeiteten und formidabel ausgestatteten sowie vorn wie hinten klassenüblich geräumigen Limousine, Spaß kommt auf, wenn der handliche ATS über winklige Circuits oder durchs enge Großstadtgewirr flitzt. Der Komfort genügt trotz aller Sportivität für große Fahrten, nur das Gepäckabteil ist mit 381 Liter fast 100 Liter kleiner ausgefallen als bei Audi und Mercedes. Raum für alles Reisenotwendige von Pilot und Copilot bietet es dennoch, eng wird es erst bei voller Besatzung.

Emotionales Cockpit im Cadillac ATS

Das Cockpit im Cadillac ATS ist sehr gelungen
Das Cockpit im Cadillac ATS ist sehr gelungen © Cadillac

Wenn Emotionen und der erste Eindruck entscheiden, könnte mancher potentielle ATS-Käufer bereits bei der Probefahrt sein Herz verlieren. So kann das Cockpit mit fast selbsterklärenden Bedienoberflächen ähnlich wie bei iPad und iPhone auf Anhieb faszinieren. Vorausgesetzt, der Käufer ist willens, auf das Markenimage von Stern, Niere oder Ringen zu verzichten - und findet in seinem Umkreis zufällig einen der nur sechs deutschen Cadillac-Händler und 33 Servicepartner.

Der Cadillac ATS zielt in Deutschland also auf Individualisten und diese sind in der Businessclass rar gesät wie alle Importeure aus leidvoller Erfahrung wissen. Deshalb wird der ATS letztlich wohl weniger Käufer süddeutscher Premium-Modelle abwerben als hierzulande ähnlich exotischen Konkurrenten wie Lexus IS oder Infiniti G37 zusetzen. Dann wäre alles wie in Amerika, denn auch in den dortigen Zulassungsstatistiken macht der ATS vor allem den Japanern zu schaffen. (SP-X)






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