29. Januar 2007

Fahrbericht Audi S6 Avant: «S» wie sauschnell

Kein Billig-Tuning: Die LEDs an der Front gehören ab Werk zum S6 Avant
Kein Billig-Tuning: Die LEDs an der Front gehören ab Werk zum S6 Avant © Foto: Werk

435 PS - der Renn-Kombi S6 Avant ist Audis Beitrag zum Leistungs-Wettrüsten der Premium-Hersteller. Und im Duell mit BMW M und Mercedes AMG macht er eine gute Figur.




Von Stefan Zaumseil

Mit dem S6 Avant wollen die Ingolstädter zeigen, dass die automobile Oberklasse noch nicht komplett von den Power-Dieseln übernommen wurde. Mit zehn Zylindern, grollenden 435 PS und einem Antritt wie im Formel-Renner tritt man gegen BMW M5 und Mercedes E-Klasse AMG an. Motto: Sportlich geht auch mit großem Laderaum.


Eine LED pro Zylinder

Markantestes Merkmal des S6 sind die eingesetzten Tagfahrleuchten im vorderen Stoßfänger. Jeweils fünf LEDs auf jeder Seite sollen nicht nur mehr Sicherheit bieten, sondern stehen auch selbstbewusst für die zehn Brennkammern und sollen Vorausfahrenden signalisieren, welches Fahrzeug hier gerade eine freie Spur begehrt. Für die weiteren Erkennungsmerkmale muss man etwas genauer hinschauen: Außenspiegel im Aluminium-Look, Vierfach-Auspuff-Endrohre, Lufteinlass im vorderen und Diffusor im hinteren Stoßfänger, neue Einstiegsleisten, 14 Millimeter breitere Kotflügel, Dachspoiler. Das S6-Logo im markanten audi-typischen Grill muss man fast schon mit der Lupe suchen.

Allerdings nicht mehr, sobald man eingestiegen ist:Im edlen Alcantara-Innenraum prangen die Logos reichlich - damit man nicht vergisst, womit man unterwegs ist. Ansonsten ist alles wie aus dem A6 gewohnt, bis auf die Holzapplikationen, die durch sportlicher wirkende Karbon-Elemente ersetzt wurden. Die für den S6 neu entwickelten Sportsitze mit integrierten Kopfstützen lassen sich vielfach individuell einstellen und bieten perfekten Seitenhalt, die Mittelkonsole neigt sich leicht zum Fahrer und beherbergt das nach wie einfach zu bedienende Multimedia- und Informationssystem.

Vorsicht, beißt: Im Stand wirkt der S6 fast harmlos
Vorsicht, beißt: Im Stand wirkt der S6 fast harmlos © Foto: Press-Inform

Die Qualität von Material und Verarbeitung sind der gehobenen A6-Ausstattung entsprechend und das Platzangebot ist genau wie bei seinen schwächeren Brüdern üppig, nicht nur in der ersten Reihe, sondern auch in der zweiten und erst recht im Kofferraum: Immerhin 565 Liter Platz für Urlaubsgepäck oder schnell zu befördernde Handwerksgüter. Das Cockpit glänzt nicht nur durch echtes Aluminium, sondern auch durch grau hinterlegte, perfekt ablesbare Armaturen - und im Dunklen sieht alles durch die matt-weiß/rote Beleuchtung noch viel besser aus.

Motorsound exklusiv für den Fahrer

Wer allerdings nach dem Anlassen des Motors kreischende Formel-1-Geräusche erwartet, der wird enttäuscht sein. Der hauseigene Zehnzylinder hat zwar die gleiche Basis wie das Triebwerk des Lamborghini Gallardo, klingt aber weder so grell wie der M5, noch brüllt er wie ein bulliger V8. Obschon optisch sehr präsent, klingt das neu entwickelte FSI-Kraftpaket im Innern selbst beim Beschleunigen recht verhalten. Dass ein per Freisprechanlage verbundener Gesprächspartner beim Gasgeben trotzdem beeindruckt schweigen dürfte, ist den Audi-Ingenieure zu danken: Der Motorsound wird über einen Schlauch akustisch zum Fahrerplatz geleitet.

Kraftspender: Zehn Zylinder sorgen im S6 für Vortrieb
Kraftspender: Zehn Zylinder sorgen im S6 für Vortrieb © Foto: Press-Inform

Im Alltagsbetrieb ist der 220 Kilogramm schwere 5.2-Liter-V10 mit 435 PS ein überaus kultivierter Motor: Der Leerlauf ist stabil, die 540 Newtonmeter Drehmoment stehen schon ab 3000 Touren zur Verfügung. Dabei entfaltet der Zehnender seine Leistung so harmonisch über den gesamten Drehzahlbereich, dass man das eine oder andere Mal vom Drehzahlbegrenzer überrascht wird. Bei einem neugierigen Blick unter die Motorhaube versteckt sich der Zehnzylinder denn auch nicht schamhaft unter Plastikabdeckungen, sondern präsentiert sich stolz mit zwei offen liegenden Einspritzpumpen und zehn einzelnen roten Zündspulen.

Der Sprint aus dem Stand auf Tempo 100 ist in 5,3 Sekunden absolviert, bei 250 Kilometer pro Stunde wird zum Unwillen des Piloten wird sanft abgeregelt - dabei wären sicherlich Tempi um die 300 möglich. Eigentlich unverständlich, wieso die Ingolstädter auch die ambitionierten Piloten so bevormunden und damit in die Hände von Tuningfirmen treiben. Die sechsstufige Tiptronic arbeitet dazu sanft mit blitzsauberen Übergängen, wer manuell eingreifen möchte - aber dazu gibt es absolut keinen Grund - kann dies mit den Schaltwippen am Lenkrad oder am Wählhebel tun. Im Sport-Modus reagiert die Automatik mit noch schnelleren und späteren Gangwechseln - doch Vorsicht, der sanfte Anfahrmodus weicht dann einem sehr behänden Anfahrschub, der beim Parken durchaus überraschen kann.

Mehr Kraft für die Hinterachse

Die Lenkung des S6 ist deutlich direkter und etwas präziser als vom A6 her gewohnt, ein weiterer Schritt in Richtung Perfektion wäre jedoch etwas mehr Rückmeldung über den Straßenzustand. Wer den Audi S6 mit justierbarer Luftfederung oder gar einem hydraulischen Wankausgleich wie aus dem alten RS6 erwartet hat, findet überraschenderweise eine klassische Feder-Dämpfer-Anordnung, die aber mit ihrer exakten Abstimmung weder das eine noch das andere vermissen lässt - die Symbiose von sportlichem Handling und reisetauglichem Komfort überzeugt.

Klappe auf: Im S6 Avant gibt es viel Platz für eilige Güter
Klappe auf: Im S6 Avant gibt es viel Platz für eilige Güter © Foto: Press-Inform

Die Agilität des immerhin zwei Tonnen schweren Wagens ist absolut überzeugend, der Allradantrieb aus dem Hause Audi sowieso. Die veränderte Kraftverteilung von 60:40 zugunsten der Hinterachse wird insbesondere sportliche Piloten erfreuen. Trotzdem fehlen die klassischen Lastwechsel eines reinen Hecktrieblers. Und die Sportlichkeit des Audi S6 geht etwas zu Lasten des Federungskomforts, dieser ist nicht ganz so ausgeprägt wie vom A6 her gewohnt. Bodenwellen und Kanaldeckel beispielsweise sind deutlich im Innenraum zu spüren. Aber das ist nun einmal der sportlichen Abstimmung des Fahrwerks geschuldet - trotzdem ist der Komfort auf allen Sitzen immer noch auf Oberklasse-Niveau.

20 Liter sind nicht die Grenze

Die Serienausstattung des Audi S6 Avant ist ebenso üppig wie die Sicherheitsausstattung vollständig ist. So sind beispielsweise Alcantara-Leder-Ausstattung, Xenon-Scheinwerfer, LED-Rückleuchten, Sitzheizungen für die Vordersitze, elektrische Lendenwirbelstütze, Reifendrucküberwachung, eloxierte Dachreling und Klimaautomatik Komfortdetails, die oft extra zu bezahlen sind - hier nicht, die 84.500 Euro Grundpreis schmerzen trotzdem.

Für die Käuferschar in dieser Preisregion ist der Kraftstoffverbrauch nicht mehr wirklich ein Kriterium. Aber der Vollständigkeit halber: Durchschnittlich 14 Liter pro 100 Kilometer laufen durch die Einspritzdüsen, bei straffen Autobahntouren können es durchaus deutlich mehr als 20 Liter werden - 5204 Kubikzentimeter Hubraum sind nun einmal durstig. Insgesamt ist der Audi S6 Avant aber ein überzeugender Reisekombi der Oberklasse mit sportlichen Fahreigenschaften, der sich unter seinesgleichen wie dem neuen BMW M5 Touring und dem Mercedes E 63 AMG T bestens schlägt.






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