30. Juni 2014

Daimler-Chef Dieter Zetsche «Ich sehe uns nicht als zweiten Sieger»

Dieter Zetsche neben dem neuen Mercedes S 63 AMG.
Dieter Zetsche neben dem neuen Mercedes S 63 AMG. © Daimler

Mercedes sieht sich auf dem besten Weg, bis 2020 erfolgreichster Premiumhersteller zu werden. Im Interview mit der Autogazette spricht Daimler-Chef Dieter Zetsche über den Dreikampf mit BMW und Audi, Elektromobilität, China und den Coolness-Faktor von Tesla.




Der Daimler-Konzern denkt für 2015 über den Einstieg ins Carsharing-Geschäft in China nach. «Ich könnte mir vorstellen, dass wir bereits im kommenden Jahr dort an den Start gehen, natürlich abhängig vom Fortgang der Gespräche. Ich bin zuversichtlich, dass wir zum Erfolg kommen», sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche im Interview mit der Autogazette.

Wie Zetsche sagte, komme dem Thema Carsharing in China perspektivisch eine wichtige Bedeutung zu. «Wir saßen gerade mit dem chinesischen Forschungsminister zusammen, für den das Thema eine wichtige Rolle spielt. Doch es gibt natürlich Unterschiede: so ist Taxifahren enorm billig in China, aber unser car2go-Angebot würde in China genau das Gleiche kosten wie an anderen Stellen in der Welt. Zugleich war den Kommunen noch nicht so bewusst, dass die Bereitstellung von Parkplätzen eine wesentliche Rolle spielt. Doch hier entsteht gerade ein positives Bewusstsein und wir sind in Gesprächen, um Pilotprojekte auf den Weg zu bringen.»


Mercedes setzt für China neue Ziele

Für die Strategie «Mercedes-Benz 2020», mit der Zetsche bis zu diesem Jahr mit der Kernmarke zum erfolgreichsten Premiumhersteller aufsteigen will, spiele China die entscheidende Rolle. Derzeit liegen die Stuttgarter zwar noch mit Blick auf die reinen Stückzahlen deutlich hinter BMW und Audi, doch bis zum Jahr 2015 will der Autobauer dort bereits mehr als 300.000 Einheiten verkaufen.

Ob man dieses Ziel aufgrund des derzeitigen Wachstums – bis Mai lag es mit insgesamt 112.500 Einheiten bei 42 Prozent - gegebenenfalls übererfüllen werde, wollte Zetsche indes nicht sagen. «Das wird das Jahr 2015 zeigen. Wir sind dabei, unsere Marke zu repositionieren und das Premium im Preis zurückzuerobern, nachdem wir zuvor in einer ungesunden Rabattsituation waren. Hier machen wir auch relativ zum Wettbewerb sehr erfreuliche Fortschritte.»

«Elektroautos noch nicht wettbewerbsfähig»

Ein Elektro-Smart an der Ladestation
Ein Elektro-Smart an der Ladestation © Daimler

Autogazette: Herr Zetsche, sind Sie eigentlich auch froh über jedes nicht verkaufte Elektroauto?

Dieter Zetsche: Sergio Marcchione, auf den Sie mit Ihrer Frage anspielen, hat seine Aussage sehr zugespitzt. Doch neue Technologien bringt man gegebenenfalls auch dann in den Markt, wenn man daraus zunächst keinen wirtschaftlichen Vorteil zieht. Erst wenn man mit Elektroautos wirklich Stückzahlen macht, stellt sich auch der wirtschaftliche Erfolg ein...

Autogazette: . . . was mit Blick auf Elektroautos noch sehr lange dauern dürfte . . .

Zetsche: . . . natürlich sind Elektroautos gegenüber herkömmlichen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor noch nicht wettbewerbsfähig, sei es nun mit Blick auf die Reichweite, den Preis oder die Ladezeit. Wir wissen alle, dass wir zu alternativen Antrieben kommen müssen, deshalb müssen wir finanzielle Vorleistungen treffen, die sich in der Zukunft rentieren werden.

Autogazette: Fiat-Chrysler-Chef Marcchione sagte, dass er mit jedem verkauften Fiat 500e in den USA einen Verlust von umgerechnet 10.300 Euro machen würde. Wieviel Verlust machen Sie denn mit jedem verkauften Elektro-Smart?

Zetsche: Wir sagen schon aus Wettbewerbsgründen nichts zur Wirtschaftlichkeit einzelner Baureihen. Doch wir sind heute mit dem Smart, und werden vor allem mit dem neuen Smart, in einer guten wirtschaftlichen Situation sein. Aber in der Tat: der Elektro-Smart stellt dabei eine besondere Herausforderung dar.

«Kein Hersteller mit Elektroautos kostendeckend»

Die B-Klasse Electric Drive
Die B-Klasse Electric Drive © Daimler

Autogazette: Sie sind also nicht kostendeckend mit dem Elektro-Smart unterwegs?

Zetsche: Es gibt derzeit keinen Hersteller, der bei Betrachtung der Vollkosten mit Elektroautos kostendeckend unterwegs ist.

Autogazette:Die Regierung lehnt Kaufprämien für E-Autos nach wie vor ab. Bundesverkehrsminister Dobrindt plant dafür Privilegien wie die Nutzung von Busspuren oder freies Parken. Reicht das aus, um das Ziel von einer Million E-Autos bis 2020 zu erreichen?

Zetsche: Ich glaube nicht, auch wenn in der Stückzahl Plug-in-Hybride mit 30 Kilometer elektrischer Reichweite mit einbezogen werden. Die Industrie hat jedenfalls alles getan, ihr Versprechen zu halten, massiv in diese Technologie zu investieren. Es fließen innerhalb von vier Jahren ca. 12 Milliarden Euro von den Zulieferern und den OEMs.

Autogazette: Wird es ohne Kaufprämien gelingen, dieses Ziel zu erreichen?

Zetsche: Ich bin kein Subventionsritter, doch wenn man an diesem Ziel von einer Million festhält, muss man die Attraktivität für den Kunden weiter steigern. Anreize wie die Nutzung von Busspuren und freies Parken sind ein richtiger erster Schritt, aber sie reichen nicht aus. Schaut man in die Länder, in denen es einen höheren Anteil von Elektroautos gibt, so gibt es dort auch zusätzliche Anreize wie beispielsweise in Norwegen, den Niederlanden oder den USA.

«Das ist keine Mondlandetechnologie»

Das Tesla Model S
Das Tesla Model S © Tesla

Autogazette: Die Bundesregierung geht ihr Ziel also zu halbherzig an?

Zetsche: Selbst wenn es am Ende nur 500.000 E-Autos werden, geht die Welt nicht unter.

Autogazette: Tesla-Chef Elon Musk hat gerade angekündigt, seine Patente offenzulegen und sie der Konkurrenz zur Verfügung zu stellen. Kann ein solcher Schritt helfen, der E-Mobilität einen Schub zu verleihen? Oder ist das nur ein netter PR-Gag?

Zetsche: Es bringt sicher eine gute PR für Tesla. Ich wüsste nicht, was wir von der dort verwendeten Technologie noch lernen könnten. Wir haben ja selbst die Antriebseinheit von Tesla in unserer B-Klasse. Was Elon Musk gemacht hat ist, Batterien aus der Consumer Electronic zu großen Paketen zusammen zu setzen und die Steuerung intelligent vorzunehmen. Das ist keine Mondlandetechnologie. Aber ohne Frage: er hat mit dem Tesla S ein gut gemachtes Auto mit einem Coolness-Faktor, der ihm Erfolg bringt. Klasse Leistung, Hut ab.

Autogazette: Wenn die Technologie von Tesla nichts Besonderes ist, warum setzen Sie sie in der B-Klasse ein? Reicht die Innnovationskraft von Mercedes nicht aus, ein eigenes System einzusetzen?

Zetsche: Ich bin mit unserem Weg der Elektromobilität höchst zufrieden. Wir haben eine Entwicklungstiefe, wie kein anderer Hersteller und produzieren zudem eigene Zellen und Batterien. Das macht keiner unserer Wettbewerber. Wir verstehen die Technologie und mit unserer Beteiligung an Tesla schauen wir, was ein Start-up macht. Zusammen mit unserem chinesischen Partner BYD bringen wir mit dem Denza jetzt das beste in China produzierte E-Auto auf den Markt. Es gibt keinen, der ein solches Know-how wie wir hat.

Autogazette: Was können Sie von einem Start-Up wie Tesla lernen und für die Zukunft besser machen?

Zetsche: Wir sehen Analogien zu kleineren Einheiten bei uns, wie beispielsweise AMG, mit denen wir schnell reagieren können. Dort können kleine Stückzahlen deutlich schneller umgesetzt werden, als wenn wir sie in 150 Ausführungen weltweit ausrollen müssen. Das kann einen anderen Spirit erzeugen.

«Sehr teuer erkaufter Coolness-Faktor»

Autogazette: In einer Studie der Schweizer Großbank UBS werden gerade die Visionen von BMW und der Start der i-Modellbaureihen gelobt. Ihnen wird indes das Fehlen einer klaren Strategie vorgehalten. Fehlt es Daimler an Visionen?

Zetsche: UBS hat die eine Sicht, Goldman Sachs beispielsweise die gegenteilige. Ein Hersteller wie BMW gibt für ein neues Elektroauto einen Milliardenbetrag aus. Wir haben gesagt, dass wir mit der B-Klasse und dem Smart Autos bauen, die sowohl mit konventionellem als auch mit elektrischem Antrieb unterwegs sein können. Faktisch sieht es so aus, dass die B-Klasse eine größere Reichweite als sein Wettbewerber hat und zudem über mehr Platz verfügt. In Summe ist keine Eigenschaft erkennbar, in der die B-Klasse dem Wettbewerber unterlegen ist, im Gegenteil. Doch den Effekt, sich mit einem eigenständigen Design besonders gut in Szene setzen zu können, erkenne ich an. Ob es indes unternehmerisch eine richtige Entscheidung war, soviel Geld einzusetzen, darüber kann man sich streiten.

Autogazette: Mit Blick auf Tesla sprechen Sie von einem Coolness-Faktor: Gibt es diesen Coolness-Faktor auch beim BMW i3?

Zetsche: Ohne Frage, doch das ist ein sehr teuer erkaufter Coolness-Faktor. Ich denke, dass wir mit der gesamten Kompaktklasse-Familie sehr cool unterwegs sind. Sicherlich waren vor fünf Jahren BMW und Audi bei manchem angesagter als Mercedes. Doch heute sehen das schon sehr viele Kunden deutlich anders.

«Sind beim autonomen Fahren die Nummer eins»

Der S500 Intelligent Drive fährt autonom
Der S500 Intelligent Drive fährt autonom © Daimler

Autogazette: Google hat gerade sein autonom fahrendes Auto vorgestellt. Haben Sie Sorge, dass Mercedes auch beim Thema autonomes Fahren nur zweiter Sieger sein wird?

Zetsche: Ich sehe uns weder hier noch auf anderen Gebieten als zweiten Sieger. Wir sind beim autonomen Fahren unter allen automobilen Wettbewerbern die ganz klare Nummer eins. Google wählt einen sehr aufwändigen Weg mit Blick auf die Sensortechnik, nicht sehr seriennah, ist aber mit vielen Prototypen in der Optimierung seiner Algorithmen weit fortgeschritten. Wir sind hier komplementär unterwegs: Wir haben Stärken, die Google nicht hat und Google hat Stärken, die uns abgehen.

Autogazette: Ab wann werden Sie das erste autonom fahrende Auto anbieten können? Ihr Entwicklungsvorstand Thomas Weber sagte, dass man vor 2020 weitere teilautonome Fahrfunktionen anbieten werde.

Zetsche: Die Mercedes S-Klasse ist bereits teilautonom, die nächsten Schritte müssen vor allem hinsichtlich der Zuverlässigkeit noch optimiert werden. Denn unter den Millionen Autos, die wir verkaufen, muss jeder Einzelfall auch mit Blick auf die Produkthaftung abgesichert sein. Deswegen wird der Weg zum autonomen Fahren in Schritten stattfinden. Themen wie das automatische Einparken sowie auch das Fahren auf Autobahnen werden wir noch in diesem Jahrzehnt unseren Kunden anbieten können. Ich bin davon überzeugt, dass wir die wesentlichen Umfänge innerhalb der nächsten zehn Jahre in der Großserie haben.

Autogazette: Erleichtert für Sie die Modifikation des Wiener Abkommens für den Straßenverkehr den Weg hin zum autonomen Fahren?

Zetsche: Es ist ein erfreulicher Schritt, der erstaunlich schnell erfolgt ist und jetzt noch konkret in Landesrecht umgesetzt werden muss.

«Wir befinden uns voll im Plan»

Das Elektroauto Denza kommt Ende des Jahres auf den Markt
Das Elektroauto Denza kommt Ende des Jahres auf den Markt © Daimler

Autogazette: Sie haben für Ihr Unternehmen die Strategie «Mercedes-Benz 2020» ausgerufen, mit der Sie zum weltweit erfolgreichsten Premiumhersteller aufsteigen wollen. Glauben Sie mit Blick auf die Performance von BMW und Audi wirklich daran, dass dieses Ziel erreicht werden kann?

Zetsche: Aber selbstverständlich. Wir befinden uns voll im Plan. Es gibt eine Vielzahl von Märkten, in denen wir bereits die Nummer eins sind. Außerhalb Chinas verkaufen wir gleich viel oder mehr Autos als der Wettbewerb. Aber China zählt natürlich mit.

Autogazette: Entscheidet es sich in China, welcher Premiumhersteller bis 2020 an der Spitze steht?

Zetsche: Ja, das könnte man so sagen.

Autogazette: Ihr Ziel bis 2015 in China liegt bei 300.000 Einheiten. Werden Sie dieses Ziel übererfüllen, denn per Mai kommen Sie mit 112.500 Einheiten auf ein Wachstum von 42 Prozent?

Zetsche: Das wird das Jahr 2015 zeigen. Wir sind dabei, unsere Marke zu repositionieren und das Premium im Preis zurückzuerobern, nachdem wir zuvor in einer ungesunden Rabattsituation waren. Hier machen wir auch relativ zum Wettbewerb sehr erfreuliche Fortschritte.

Autogazette: Welche Rolle kann Carsharing perspektivisch in China spielen?

Zetsche: Eine große. Wir saßen gerade mit dem chinesischen Forschungsminister zusammen, für den das Thema eine wichtige Rolle spielt. Doch es gibt natürlich Unterschiede: so ist Taxifahren enorm billig in China aber unser car2go-Angebot würde in China genau das Gleiche kosten wie an anderen Stellen in der Welt. Zugleich war den Kommunen noch nicht so bewusst, dass die Bereitstellung von Parkplätzen eine wesentliche Rolle spielt. Doch hier entsteht gerade ein positives Bewusstsein und wir sind in Gesprächen, um Pilotprojekte auf den Weg zu bringen.

Autogazette: Ab wann soll es car2go in China geben?

Zetsche: Ich könnte mir vorstellen, dass wir bereits im kommenden Jahr dort an den Start gehen, natürlich abhängig vom Fortgang der Gespräche. Ich bin zuversichtlich, dass wir zum Erfolg kommen.

Das Interview mit Dieter Zetsche führte Frank Mertens



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