Mercedes mit Rückenwind an die Spitze

Daimlers neuer Aeroakustik-Windkanal

Die Mercedes S-Klasse im neuen Windkanal. © AG/Mertens

Daimler will zukünftig weiter eine Spitzenposition bei der Aerodynamik einnehmen. Dazu beitragen soll ein neuer Aeroakustik-Windkanal in Sindelfingen.

Von Frank Mertens

Es ist die Summe vieler Kleinigkeiten, die ein gutes von einem sehr guten Auto unterscheidet. Gerade im Premiumsegment entscheidet am Ende die Vielzahl stimmiger Details darüber, wer im hartumkämpften Segment der Nobelkarossen das beste Gesamtpaket anbieten kann, um am Ende die Nase vorn zu haben. Derzeit steht dort noch BMW gefolgt von Audi und Mercedes. Doch wer will schon gerne dritter Sieger sein, vor allem wenn man sich wie die Schwaben als Erfinder des Automobils sieht. Entsprechend setzt Konzernchef Dieter Zetsche alles daran, bis zum Jahr 2020 an der Konkurrenz vorbeizuziehen.

Wettbewerbsvorteile durch Aerodynamik

Dazu braucht es Autos, die mit ihrem Design und ihren Innovationen begeistern, die vor allem Benchmarks in ihrem Segment setzen. Damit Mercedes diese Bestmarken auch zukünftig setzen kann, hat der Daimler-Konzern am Donnerstag in Sindelfingen einen neuen Aeroakustik-Windkanal eröffnet. Damit wollen die Schwaben ihren Vorsprung bei der Aerodynamik weiter ausbauen und sich Wettbewerbsvorteile für den erhofften Weg zurück an die Spitze sichern. Es ist, so zeigt das Vokabular der Daimler-Manager, ein sportlicher Wettbewerb. "Ein guter Cw-Wert hat für unsere Entwickler die gleiche Bedeutung wie für einen Athleten die Verbesserung seiner Leistung um ein Zehntel", sagt Daimler-Chef Dieter Zetsche.

Damit die Entwickler auch zukünftig die besten Resultate erzielen können, hat der Autobauer dafür in den zurückliegenden fünf Jahren insgesamt 230 Millionen Euro in sein Technologiezentrum in Sindelfingen investiert, davon flossen mehr als 50 Millionen Euro in den Aeroakustik-Windkanal. Schließlich brauchen "Weltmeister auch die besten Trainingszentren", wie Entwicklungsvorstand Thomas Weber sagt. Stolz verweist Weber darauf, dass Mercedes bereits heute in nahezu allen Fahrzeugsegmenten die Aerodynamik- und Aeroakustik-Weltmeister stelle. Er verweist als Beispiel auf die neue Mercedes S-Klasse, die mit dem Dieselhybrid auf einen Cw-Wert von 0,23 kommt oder das Kompaktklassemodell CLA, das mit 0,22 den weltbesten Cw-Wert bei den Serienautos aufweist.

Deutliche Verbrauchsreduktion

Dieter Zetsche, Günther Oettinger und Thomas Weber eröffnen den Windkanal
Dieter Zetsche, Günther Oettinger und Thomas Weber Daimler

Wer meint, dass dem Kunden der Cw-Wert letztlich egal sein kann, der irrt und verkennt die zunehmende Bedeutung der Aerodynamik. Wie wichtig er ist, zeigt der Blick auf die mögliche Verbrauchsreduktion durch eine Verringerung des Luftwiderstands. Weber verweist darauf, dass die Reduktion des Cw-Werts von 0,26 auf 0,23 einen Minderverbrauch von 0,1 Liter im NEFZ bedeute, im Normalbetrieb 0,25 Liter und "bei hohem Autobahntempo sogar bis zu einem Liter". Wolle man diese Ersparnis beispielsweise mit Mitteln des Leichtbaus bewerkstelligen, müsste das Auto um 100 Kilogramm leichter werden.

Vor dem Hintergrund sich verschärfender CO2-Grenzwerte kann die Aerodynamik einen maßgeblichen Beitrag dazu leisten, dass ein Premiumhersteller wie Mercedes die Anforderungen des Gesetzgebers erfüllt. So bedeutet beispielsweise die Cw-Wertverbesserung um 0,01 im Fahrzyklus eine Ersparnis von einem Gramm CO2 pro Kilometer, beim Realverbrauch sind es bei Tempo 150 bereits zwei Gramm pro Kilometer.

Auswirkungen auf Sicherheit

Das sind Werte, die beeindrucken, doch die Aerodynamik hat auch wesentliche Auswirkungen auf die Sicherheit. Denn geringe Auftriebswerte an der Hinterachse sorgen für eine bessere Straßenlage, sprich Bodenhaftung. Das steigert nicht nur die Fahrdynamik, sondern auch die Sicherheit. Zugleich kann durch die aerodynamischen und aeroakustischen Verbesserungen das Geräuschniveau reduziert werden. So bietet die S-Klasse nicht nur das niedrigste Windgeräuschniveau in ihrem Segment, sondern ist auch leiser als der bisherige Windgeräusch-Weltmeister Maybach. Das Flaggschiff des Autobauers ist damit das leiseste Automobil überhaupt.

Der neue Aeroakustik-Windkanal ermöglicht es den Entwicklern auf der fast 20 Meter langen Messtrecke auf einem etwa 90 Tonnen schweren so genannten Fünf-Band-System verschiedene Straßengegebenheiten perfekt zu simulieren. Dabei können die zu testenden Autos auf einer integrierten Drehscheibe mit einem Durchmesser von zwölf Metern in einem beliebigen Winkel gedreht und zum Beispiel Seitenwind realitätsgerecht simuliert werden.

Windgeschwindigkeit von 265 km/h

Mercedes hat den neuen Windkanal eingeweiht.
Die S-Klasse bei Strömungstests dpa

Dank einer 28 Quadramter großen Düse können die Messungen mit einer Windgeschwindigkeit von 265 km/h durchgeführt werden. Weltweit gibt es keine vergleichbare Anlage. Dabei beeindruckt der Windkanal dank umfassender Geräuschdamm-Maßnahmen durch seine geringe Geräuschentwicklung – selbst bei 140 km/h strömt die Luft annähernd lautlos durch den Kanal. Die Messungen erfolgen dabei so präzise, dass selbst das Herabsinken eines Papiertaschentuchs auf die Karosserie erfasst werden kann.

Mit dem neuen Aeroakustik-Windkanal, da ist sich Weber sicher, werde Daimler auch als Impulsgeber für die Autoindustrie fungieren. So hätten einige Hersteller das Thema in der Vergangenheit doch vernachlässigt. Daimler nicht, entsprechend gibt man sich selbstbewusst, das man auch zukünftig weitere Benchmarks setzen wird. Schließlich liegt die Wahrheit auf dem Platz. Oder besser gesagt: im Windkanal.