22. Dezember 2016

Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber «Elektromobilität muss Premium werden»

Thomas Weber im neuen Mercedes EQ
Thomas Weber im neuen Mercedes EQ © Daimler

Daimler plant mit anderen Autobauern ein europaweites Ladenetz für E-Autos. Im Interview mit der Autogazette spricht Entwicklungschef Thomas Weber über diese Initiative und darüber, weshalb die Stuttgarter bei der Elektromobilität nichts verschlafen haben.




Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber glaubt nicht, dass der Autobauer bei der Elektromobilität etwas verschlafen habe. «Wir fühlen uns gut aufgestellt mit unserem Terminplan», sagte Weber im Interview mit der Autogazette. Vielmehr sei Daimler mit manchen seiner Ideen vielleicht zu schnell gewesen. «Das Mobilitätskonzept eines Smart kommt gerade erst jetzt richtig zum Tragen.»

Zugleich habe auch Daimler bei der E-Mobilität gelernt. «Ein vor allem funktionales Auto wie unsere B-Klasse Electric Drive, das dem Kunden viel Raum und Komfort bietet, ist nicht das, was jeder Kunde zukünftig als E-Auto haben will. Es muss zusätzlich einen Wow-Effekt geben – und für den sorgen wir mit unserem EQ», sagte Weber, der Ende des Jahres aus dem Amt scheidet. Für ein solches Auto seien «die Kunden auch bereit, mehr zu bezahlen. Elektromobilität muss Premium werden».


Kein kostenloser Strom an Ladestationen

Wie Weber sagte, wolle der Kunde «nicht nur ein faszinierendes Elektroauto von uns, er verlangt auch nach ganzheitlichen, zukunftsorientierten Mobilitätskonzepten mit einer Vielzahl von Mobilitätsdienstleistungen». Der Manager zeigte sich überzeugt davon, dass am Ende nur der Hersteller im Feld der Mobilität Erfolg haben werde, «der dem Kunden umfassende Mobilitätslösungen bietet, wie wir es beispielsweise seit Jahren mit Car2go und Moovel tun».

Mit Blick auf das Joint-Venture mit BMW, VW und Ford zum Ausbau einer europäischen Ladeinfrastruktur für E-Autos sagte Weber, dass diese Initiative zeige, dass das Thema Elektromobilität von den Herstellern konsequent angegangen werde. «Erst wenn es ein flächendeckendes Ladenetz gibt, verschwindet beim Kunden die Reichweitenangst. Deshalb synchronisieren wir jetzt das Engagement der Bundesregierung mit unserer neuen Initiative. Es ist ein Signal an unsere zukünftigen Kunden, dass wir den Schalter Richtung E-Mobilität jetzt umlegen.» Es mache «keinen Sinn, dass jeder Hersteller sein eigenes Ladenetz hat. Es darf keine privilegierte Infrastruktur geben».

Anders als beim US-Elektroautobauer Tesla, der den Strom seinen Kunden zunächst kostenlos angeboten hatte, wird es das an den künftigen Stromtankstellen des Joint-Ventures nicht geben. «Kostenlos wird es ihn nicht geben. Es muss ein sich wirtschaftlich tragendes Gesamtsystem mit ggf. weiteren Angeboten für den Kunden sein.»

«Kunden haben keineswegs das Vertrauen verloren»

Daimler, VW, BMW und Ford planen ein europaweites Schnellladenetz
Daimler, VW, BMW und Ford planen ein europaweites Schnellladenetz © Audi

Autogazette: Herr Weber, ist die Verzweiflung in der Autoindustrie angesichts der geringen Nachfrage nach Elektroautos so groß, dass Daimler zusammen mit BMW, VW und Ford das Thema Ladeinfrastruktur selbst in die Hand nimmt?

Thomas Weber: Im Gegenteil, diese gemeinsame Initiative zeigt einmal mehr, dass wir das Thema Elektromobilität konsequent angehen. Wir haben immer betont, dass der Weg in die Elektromobilität kein Sprint, sondern ein Marathonlauf ist. Das geht nicht über Nacht.

Autogazette: Aber das ist ja keine neue Erkenntnis.

Weber: Stimmt. Momentan stellen wir noch eine verhaltene Nachfrage nach E-Autos fest. Das zeigt, dass wir - neben einer leistungsfähigen Infrastruktur - auch eine andere Art von Fahrzeugen benötigen. Wie wir uns ein solches Fahrzeug vorstellen, haben wir gerade in Paris mit dem Concept EQ gezeigt. Doch der Kunde will nicht nur ein faszinierendes Elektroauto von uns, er verlangt auch nach ganzheitlichen, zukunftsorientierten Mobilitätskonzepten mit einer Vielzahl von Mobilitätsdienstleistungen. Nur der Hersteller wird zukünftig im Feld der Mobilität auch Erfolg haben, der dem Kunden umfassende Mobilitätslösungen bietet, wie wir es beispielsweise seit Jahren mit Car2go und Moovel tun.

«Es ist ein Signal an unsere zukünftigen Kunden»

Autogazette: Die Bundesregierung hat angekündigt, eine Ladeinfrastruktur aufzubauen und investiert 300 Millionen Euro in 15.000 Ladestationen. Das reicht Ihnen scheinbar nicht?

Weber: Das Commitment der Bundesregierung ist ein erster wichtiger Schritt. Doch wir müssen gemeinsam an einem Strang ziehen, denn erst wenn es ein flächendeckendes Ladenetz gibt, verschwindet beim Kunden die «Reichweitenangst». Deshalb synchronisieren wir jetzt das Engagement der Bundesregierung mit unserer neuen Initiative. Es ist ein Signal an unsere zukünftigen Kunden, dass wir den Schalter Richtung E-Mobilität jetzt umlegen und wie ernst wir als Industrie dieses Thema nehmen. Es macht keinen Sinn, dass jeder Hersteller sein eigenes Ladenetz hat. Es darf keine privilegierte Infrastruktur geben.

Autogazette: Sie üben Kritik an Tesla. Doch ist Elon Musk mit der Schaffung eines Ladenetzes nicht genau den richtigen Weg gegangen, die Kunden zum Kauf eines E-Autos zu bringen?

Weber: Die Bemühungen des amerikanischen Wettbewerbers das Thema Laden auf eine breite Basis zu stellen, sind gut. Doch am Ende muss es auch bei der Ladeinfrastruktur wie bei den herkömmlichen Tankstellen ein tragfähiges Geschäftsmodell geben – es muss für alle Kunden verfügbar und es muss wirtschaftlich tragfähig sein.

Autogazette: Sie sprechen die wirtschaftliche Nachhaltigkeit für die Ladestationen an. Kostenlos, wie es Tesla zunächst getan hat, werden Sie den Strom also nicht anbieten?

Weber: Nein, kostenlos wird es ihn nicht geben. Es muss ein sich wirtschaftlich tragendes Gesamtsystem mit ggf. weiteren Angeboten für den Kunden sein.

«Fühlen uns gut aufgestellt mit unserem Terminplan»

Der Mercedes EQ
Der Mercedes EQ © AG/Mertens

Autogazette: Sie betonen immer wieder, dass Sie bei der E-Mobilität nichts verschlafen haben. Dennoch bringen Sie ein Auto wie den EQ mit einer Reichweite von 500 Kilometern erst in zwei Jahren auf den Markt. Bei Opel gibt es so etwas bereits im kommenden Jahr.

Weber: Wir fühlen uns gut aufgestellt mit unserem Terminplan. Auch wir haben bei der E-Mobilität gelernt. Ein vor allem funktionales Auto wie unsere B-Klasse Electric Drive, das dem Kunden viel Raum und Komfort bietet, ist nicht das, was jeder Kunde zukünftig als E-Auto haben will. Es muss zusätzlich einen Wow-Effekt geben – und für den sorgen wir mit unserem EQ. Für ein solches Auto sind die Kunden auch bereit, mehr zu bezahlen. Elektromobilität muss Premium werden. Vielleicht waren wir mit manchen Ideen zu schnell. Das Mobilitätskonzept eines Smart kommt gerade erst jetzt richtig zum Tragen. Wir werden die nächsten zwei bis drei Jahre brauchen, um den Mindset Change in Richtung Mobilität der Zukunft bei den Kunden zu erreichen.

Autogazette: Werden die jetzt angedachten Ladestationen zum erhofften Durchbruch führen?

Weber: Zumindest ist es ein sehr wichtiges weiteres Element, um bei der E-Mobilität voran zu kommen.

Autogazette: Der Klimaschutzplan 2050 der Bundesregierung ist gerade nach langen Streit verabschiedet worden. Tun sie als Automobilhersteller genug, auch dem Klimaschutz Sorge zu tragen?

Weber: Wir investieren in zwei Jahren mehr als zehn Milliarden Euro in die Forschung und Entwicklung und davon ist die Hälfte für grüne Technologien vorgesehen. Das Thema hat bei uns allerhöchste Priorität!

Das Interview mit Thomas Weber führte Frank Mertens



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