16. Januar 2017

Anke Kleinschmit, Leiterin Konzernforschung Daimler «Wer sich wohl fühlt, fährt besser, er fährt sicherer»

Anke Kleinschmit verantwortet bei Daimler die Konzernforschung.
Anke Kleinschmit verantwortet bei Daimler die Konzernforschung. © Daimler

Daimler hat auf der CES das Konzeptfahrzeug Fit & Healthy vorgestellt. Warum der Autobauer den Gesundheitsaspekt verstärkt in den Fokus rückt, darüber sprach die Leiterin Konzernforschung, Anke Kleinschmit, im Interview mit der Autogazette.




Der Autobauer Daimler hat auf der CES in Las Vegas das Konzeptfahrzeug Fit & Healthy auf Basis eines Mercedes-Mayback vorgestellt. Mit diesem Konzeptfahrzeug will der Hersteller den Gesundheitsaspekt in seinen Fahrzeugen verstärkt in den Fokus rücken und zeigen, was in Zukunft in diesem Bereich vorstellbar ist.

Da der Bereich der Fitness bereits heute allgegenwärtig sei, würde man ihn jetzt auch ins Auto bringen, sagte die Leiterin Konzernforschung bei Daimler, Anke Kleinschmit, im Interview mit der Autogazette.


Wohlbefinden Licht und Düfte

«Natürlich gehört der Komfort wie auch die Sicherheit zu unseren Markenwerten. Doch wir gehen jetzt doch deutlich weiter, indem wir unsere Features weiter entwickeln, sie auf die nächste Stufe bringen und damit den Gesundheitsaspekt ansprechen», sagte Kleinschmit. Zu den Features im Konzeptfahrzeug gehören neben Massagesitzen auch Düfte und Lichteffekt, die das Wohlbefinden des Fahrers steigern sollen.

«Menschen verbringen immer mehr Zeit im Auto»

Das Konzeptfahrzeug Fit & Healthy
Das Konzeptfahrzeug Fit & Healthy © AG/Mertens

Autogazette: Frau Kleinschmit, bislang dachte ich immer, dass Radfahren für die Fitness besser sei als Autofahren. Nun will mir Mercedes auf der CES mit dem Konzeptfahrzeug Fit & Healthy vermitteln, auch Autofahren sei gut für die Gesundheit. Können Sie mir das bitte erklären?

Anke Kleinschmit: Fahrradfahren bleibt nach wie vor gesund. Doch das heißt nicht, dass nicht auch Bewegung im Auto gut für die Gesundheit sein kann. Wir stellen fest, dass die Menschen immer mehr Zeit im Auto verbringen. Durchschnittlich sind es eineinhalb bis zwei Stunden täglich. Wer so lange sitzt, der braucht einen Ausgleich - und für den sorgen wir.

Autogazette: Und wie?

Kleinschmit: Sitzen ist das neue Rauchen. Dem wollen wir entgegen wirken. Nicht nur der Fahrer, alle Passagiere im Auto sollen sich wohl fühlen. Wir wollen ihn deshalb dazu anregen, sich zu bewegen.

Autogazette: Das Auto Fit & Healthy verfügt unter anderem über Massagesitze, eine ausgereifte Klimatisierung. Das sind Funktionen, die wir bereits schon heute als Komfortfeatures von Mercedes kennen. Verkaufen Sie uns hier nicht alten Wein in neuen Schläuchen?

Kleinschmit: Natürlich gehört der Komfort wie auch die Sicherheit zu unseren Markenwerten. Doch wir gehen jetzt doch deutlich weiter, indem wir unsere Features weiter entwickeln, sie auf die nächste Stufe bringen und damit den Gesundheitsaspekt ansprechen.

«Es geht nicht ums Marketing»

Im Display werden die Vitalwerte anggezeigt
Im Display werden die Vitalwerte anggezeigt © Daimler

Autogazette: Ist Fit & Healthy eine Erfindung ihrer Marketingabteilung?

Kleinschmit: Es geht nicht ums Marketing. Wir wollen den Gesundheitsaspekt in den Vordergrund stellen. Dieser Aspekt ist indes nicht von der Sicherheit zu trennen. Wenn ich entspannter hinter dem Steuer sitze, dann fahre ich sicherer. Der Wohlfühlaspekt, gesundheitliche Aspekte - das ist etwas, was jeden von uns im Alltag begleitet. Sei es nun mit einer Wearable, der Nutzung von Gesundheits-Apps auf dem Smartphone. Das Thema Fitness ist allgegenwärtig. Deshalb bringen wir es nun auch ins Auto.

Autogazette: Ein Mercedes wird also auch zum Fitness-Studio?

Kleinschmit: (lacht) Unser Ansatz ist der, dass wir die Features Komfort und Sicherheit zu einem ganzheitlichen Konzept entwickeln. Das Fahrzeug soll feststellen, wie es dem Fahrer geht und mit dem Kunden in eine Interaktion treten und ihm etwas anbieten, wenn er sich beispielsweise abgespannt fühlt. In unserem Konzeptfahrzeug gibt es dazu nicht nur entspannende Musik, sondern auch entsprechende, beruhigende Lichteffekte. Das kann mit Düften ergänzt werden.

Autogazette: Wie erkennen Sie denn mit dem auf der CES gezeigten Konzeptfahrzeug, in welchem Zustand sich der Fahrer befindet?

Kleinschmit: Auf dem Lenkrad befinden sich Sensoren, die die Vitalfunktionen des Fahrers messen. So wird die Herzfrequenz im Auto angezeigt, zudem kann er eine Wearable tragen, die ihn ebenso informiert. Hat der Fahrer also einen hohen Puls, wird ihm ein Relaxing-Programm angeboten. Hierzu gibt es eine Vielzahl von Features, aus denen der Fahrer wählen kann.

«Animieren den Kunden zur Bewegung»

Anregungen von der Wand der Wünsche
Anregungen von der Wand der Wünsche © AG/Mertens

Autogazette: Mit Ihrem Online-Service Mercedes Me wollen Sie dem Kunden ein ganzheitliches Ökostystem bieten, mit dem er zu einem aktiven und gesunden Lebensstil angehalten werden kann. Wagen Sie sich damit nicht in Bereiche, in denen Sie bislang keine Expertise genießen?

Kleinschmit: Man braucht kein Arzt zu sein, um zu wissen, was “well being” ist und ob es einem gut geht oder nicht. Trotzdem arbeiten wir mit Ärzten, Wissenschaftlern, aber auch Versicherungen zusammen, mit denen wir über die verschiedenen Aspekte sprechen. Wir animieren den Kunden mit unserem Motion-Seating zur Bewegung, wir animieren ihn mit unterschiedlichen Lichtern zur Aktivierung oder Beruhigung.

Autogazette: Zu den Angeboten, die Sie den Kunden im Konzeptfahrzeug anbieten, gehört auch der Bereich Motion. Hier erklärt ein Mediziner nicht nur die Funktionen der Sitze, sondern gibt auch Bewegungstipps. Wie innovativ ist so etwas in Zeiten, in denen fast jeder eine Fitness-App auf dem Handy hat?

Kleinschmit: Das ist schon sehr innovativ. Schauen Sie nur auf unsere Sitze, sie sind ein hochkomplexes Konstrukt. Sie offerieren eine Vielzahl von Funktionen, beispielsweise eine Klangkörpermassage, eine Rückenmassage. Das ist nicht trivial.

«Verbinden unsere Markenwerte noch stärker»

Auf der CES zeigte Daimler auch die Sicherheitsweste für Berufskraftfahrer
Auf der CES zeigte Daimler auch die Sicherheitsweste für Berufskraftfahrer © AG/Mertens

Autogazette: Sie sprechen im Kontext von Fit&Healthy von einem ganzheitlichen System. Ist es ein System, das nicht primär der Sicherheit dient?

Kleinschschmit: Es ist beides, weil es nicht voneinander zu trennen ist. Wer sich wohl fühlt, fährt besser, er fährt sicherer. Dazu wollen wir beitragen. Wir verbinden unsere Markenwerte Komfort und Sicherheit noch stärker. Wenn die Sensorik noch genauer, noch exakter arbeitet, ist es natürlich in einer späteren Ausbaustufe möglich, bei schlechten Vitalwerten auch eine Notbremsung einzuleiten. Doch bis dahin dauert es noch.

Autogazette: Für Berufskraftfahrer haben Ihre Entwickler eine Sensor-Weste konzipiert, die den Herzschlag überwacht und bei kritischen Situationen in der Lage ist, das Fahrzeug im Fall einer Bewusstlosigkeit zum Stillstand zu bringen. Wie weit von der Serienreife ist das von Ihnen als Predictive Emergency Defense genannte System entfernt?

Kleinschmit: Im Pkw-Bereich werden wir niemanden unserer Fahrer eine solche Weste anziehen können, doch im Commercial-Bereich macht so etwas durchaus Sinn und ist in naher Zukunft umsetzbar.

Autogazette: Bereits heute gibt es Notbremsassistenten, die im Falle der Bewusstlosigkeit des Fahrers das Auto zum Stillstand bringen. Wo liegt hier der große Unterschied zu ihrem System, nur in der Weste?

Kleinschmit: Es sind die Daten und deren Erfassung, die den Unterschied ausmachen. Sagt die Sensorik meines Fahrzeuges, dass ich zu nah auf den Vordermann auffahre? Oder sagt mein Fahrzeug mir durch die EKG-Messung der Weste, dass mein Puls zu gering ist, er in einen gefährlichen Bereich kommt. Damit eine Notbremsung ausgelöst wird, bedarf es einer exakten Messung. Die bieten wir mit dieser Weste.

«Einige Features werden wir in der neuen S-Klasse sehen»

Autogazette: Kommen Sie mit Fit & Healthy ihrem Ziel des unfallfreien Fahrens näher?

Kleinschmit: Es ist eine hervorragende Ergänzung des autonomen Fahrens. Was mache ich denn mit der gewonnenen Zeit beim autonomen Fahren? Wir meinen, dass man sie unter anderem auch für das eigene Wohlbefinden, für die Fitness verwenden kann. Das Angebot ist natürlich auch abseits des autonomen Fahrens wichtig. Einige Features von Fit & Healthy werden wir auch in der neuen S-Klasse sehen. Doch sie werden natürlich nicht nur der Oberklasse vorbehalten bleiben.

Autogazette: Durch Fit & Healthy soll es auch zu einem physischen und emotionalem Wohlbefinden kommen. Also ich brauche künftig nicht mehr zum Yoga gehen, damit es mir gut geht?

Kleinschmit: (lacht) Wie das Fahrradfahren bleibt auch Yoga nach wie vor gesund und trägt zum Wohlbefinden bei. Wir haben nichts dagegen, dass unsere Kunden nach wie vor Sport treiben. Doch in der Zeit, die sie im Auto verbringen, wollen wir dazu beitragen, dass es ihnen abseits des Sport- oder Yoga-Studios gut geht.

Das Interview mit Anke Kleinschmit führte Frank Mertens



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