1. April 2015

Ethik autonomen Fahrens Kind oder Rentner: Für wen bremst das Roboterauto?

Autonom unterwegs in einer Mercedes S-Klasse. Fotos ▶
Autonom unterwegs in einer Mercedes S-Klasse. © Daimler

Technisch ist autonomes Fahren möglich. Doch noch fehlen die rechtlichen Rahmenbedingungen. Und wie schaut es mit der ethischen Seite aus? Hierzu will Daimler den Dialog fördern.




Von Frank Mertens

Gerade hat Mercedes mit dem F 015 in San Francisco gezeigt, was beim autonomen Fahren möglich ist. Mit diesem Forschungsfahrzeug gibt der Hersteller einen Ausblick darauf, wie er sich im Jahr 2030 ein selbstfahrendes Auto vorstellt. Im Mercedes F 015 übernimmt nicht nur der Roboter die Kontrolle über das Auto, sondern der Innenraum wird für die Insassen nach der Wohnung, dem Büro zu seinem dritten Lebensraum, wie Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber am Dienstagabend bei der Vorstellung des Nachhaltigkeitsberichtes in Berlin sagte.


Rechtlich noch viele Fragen offen

Doch nicht alles was technisch möglich ist, steht kurz vor der Serienreife. Entsprechend ist der Weg zum vollautonomen Fahren noch weit. Derzeit stehe man noch vor Herausforderungen, dass man präzisere Karten, eine höhere Rechnerleistung und vor allem eine klare Gesetzgebung und die soziale Akzeptanz für diese neue Technologie benötigte, fügte der Forschungschef hinzu. Deshalb fördert Daimler den Dialog zu rechtlichen und ethischen Aspekten des autonomen Fahrens. „Wie soll ein autonomes Fahrzeug bei einem drohenden Unfall reagieren? Wie sehen die haftungs- und versicherungsrechtlichen Folgen aus? Das sind nur einige Fragen, die man in einem gesellschaftlichen Diskurs beantworten müssen“, sagte Christine Hohmann-Dennhardt, bei Daimler Vorstand für Integrität und Recht. Wenn man über autonomes Fahren spricht, gehe dies nur, wenn es auf Recht und Ethik basiert.



Vor dem Hintergrund der vielen noch nicht geklärten ethisch-rechtlichen Fragen rechnet Hohmann-Dennhardt trotz der technischen Fortschritte dann auch mit einer längeren Zeitspanne, bis vollautonom fahrende Autos auf den Straßen unterwegs sind, «Ich glaube nicht, dass wir in drei bis fünf Jahren ein Regelwerk haben, das autonomes Fahren in Gänze erlaubt», sagte die ehemalige Richterin des Bundesverfassungsgerichts. „Wir sind ja nicht so dumm, etwas auf den Markt zu bringen, wenn es hierfür noch keine rechtliche Klärung gibt.“ Dennoch werde es in dieser Zeit natürlich Öffnungen bei weiteren teilautonomen Fahrfunktionen geben. So können bereits heute Mercedes-Modelle wie beispielsweise die S-Klasse in einer Stausituation den Fahrer entlasten, indem sie teilautonom unterwegs ist.

Autonomes Fahren sorgt für mehr Sicherheit

Ohne Frage, so räumt die Vorstandsfrau ein, sorge autonomes Fahren für mehr Sicherheit und Fahrassistenzsysteme reduzieren die Unfälle. Doch was geschieht in einer kritischen Situation? „Der Mensch reagiert darauf intuitiv. Die Maschine muss darauf eingestellt werden“, so die Juristin. Und genau darum gehe es. „Welche Bewertung nimmt die Maschine vor? Gibt es für sie ein weniger schützenwertes Leben? Unterscheidet sie zwischen Jung und Alt?“ Für Hohmann-Dennhardt ist dann auch klar: „Jede Auslese ist ethisch fragwürdig.“

Doch wie sieht der Status quo bei der Technik aus, kann diese wirklich derartige Unterschiede wie beispielsweise zwischen Jung und Alt, gesund oder gebrechlich erkennen und ihr Verhalten darauf ausrichten? Kann sie nicht, für sie sind Menschen zunächst nur Objekte. Und bei allen bei der Programmierung zu berücksichtigen Variablen, die über Leben und Tod eines Verkehrsteilnehmers entscheiden können, sind die Autos so programmiert, dass sie Unfälle primär vermeiden sollen. „Das Auto bremst in kritischen Situationen einfach ab“, bringt es Weber auf den Punkt. Der Technikchef betont indes, dass es natürlich wichtig sei, diese moralisch-ethischen Fragen zu stellen und darauf antworten zu finden. Deshalb befasse sich bei Daimler auch ein ressortübergreifendes Steering Committee mit den rechtlichen und ethischen Fragen des autonomen Fahrens. Nur durch den Dialog könne eine entsprechende soziale Akzeptanz für das Thema erreicht werden.

Unterstützung der Politik

Der Mercedes F 015
Der Mercedes F 015 © AG/Mertens

Wie schwer sich die Politik tut, die rechtlichen Rahmenbedingungen für autonomes Fahren zu schaffen, kann man auch an der im März des vergangenen Jahres verabschiedeten Modifikation des Wiener Abkommens für den Straßenverkehr ablesen. Während die bisherige Regelung vorsah, dass jedes Fahrzeug einen Fahrer haben muss und dieser es auch beherrschen müsse, sind nach der Aktualisierung automatisierte Systeme zulässig, wenn sie jederzeit durch den Fahrer gestoppt werden können. Doch in die nationale Gesetzgebung ist sie noch nicht übergegangen.

Dennoch lobte Entwicklungsvorstand Weber die „Unterstützung seitens Politik“, die Genehmigungen erteilt, um autonom Fahrzeuge auch auf deutschen Straßen zu testen. Freuen würde sich Weber indes darüber, wenn es auch in weiteren Bundesländern wie auf dem Teilstück der A9 in Bayern entsprechende „optimale Testbedingungen“ geben würde. Das Bundesverkehrsministerium hat im Rahmen einer Kleinen Anfrage der Linken-Fraktion im Deutschen Bundestag jedoch mitgeteilt, dass weitere Teststrecken vorerst nicgt beabsichtigt seien. Entgegen früheren Äußerungen von Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ist dieses Teilstück zudem nicht explizit für die Erprobung von autonomen Fahrzeugen vorgesehen



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