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12. September 2017

Test über 2000 Kilometer BMW K 1600 GT: Klagen auf hohem Niveau

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Die BMW 1600 GT. Mit ihr ist auf Touren alles geregelt.
Die BMW 1600 GT. Mit ihr ist auf Touren alles geregelt. © BMW

Sechszylinder! Und das bei einem Motorrad. Muss man noch mehr sagen? Man muss. Vor allem wenn man die BMW K 1600 GT einem Härtetest über 2000 Kilometer unterzogen hat.


Der geradezu luxuriöse, komfortable und zugleich bei Bedarf sehr sportlich zu fahrende Sechszylinder-Tourer K 1600 GT von BMW hat schon bei seiner Präsentation im Frühjahr viele Lorbeeren eingefahren. Wir haben die Maschine nun einem längeren Test über mehr als 2000 Kilometer Fahrstrecke unterzogen. Kann das knapp 320 Kilogramm schwere Flaggschiff auch hier überzeugen? Ja, denn Fahrkomfort, Fahrsicherheit und Fahrspaß sowie Bedienungskomfort erreichen ein Niveau, das derzeit von keinem anderen Motorrad erreicht wird.

BMW K 1600 GT mit hoher Laufkultur

Zumindest antriebsseitig liegt diese Einschätzung klar auf der Hand: Die Laufkultur von Sechszylindermotoren ist schon grundsätzlich höher als die von Vier-, Drei- oder Zweizylindern. Und zudem verfügen die Bayerischen Motorenwerke über Kernkompetenz auf diesem Gebiet. Drittens: Außer BMW hat derzeit kein anderer Hersteller einen Sixpack im Programm, denn Honda hat seine feine Goldwing aus dem deutschen Angebot genommen.

Die Laufruhe des Reihensechsers ist schlicht fantastisch, die Leistungsabgabe nicht minder: Im Standgas lässt sich das schwere Motorrad im dritten Gang um enge Ecken zirkeln, ohne dass Abwürgegefahr besteht, und aus niedrigsten Drehzahlen nimmt das 160 PS/118 kW starke Triebwerk auch wieder ruckfrei Gas an. Leistung steht einfach jederzeit zur Verfügung, so dass der Fahrer fast unabhängig vom eingelegten Gang praktisch immer aus dem Vollen schöpfen kann. Höhere Drehzahlen als 3.500 U/min sind, praktisch gesehen, eigentlich niemals nötig. In der Praxis erfreut sich des Fahrers Ohr immer wieder aufs Neue am unnachahmlichen Sound des Sixpacks, der zwischen Brabbeln und heiserem Kreischen alle Tonlagen beherrscht.

Verbrauch unter fünf Litern

Unerwartet gemäßigt stellt sich der Treibstoffverbrauch des gut 1.600 Kubikzentimeter großen Triebwerks dar, das ja mächtig zu schleppen hat, denn die voll beladene Fuhre wiegt selbst mit einer Person besetzt nie unter 400 Kilogramm. Wer – auch zügig – cruist, ist bereits mit unter fünf Litern/100 Kilometer dabei, mehr braucht man nur bei einer sehr aktiven Fahrweise. 500 Kilometer am Stück sind deshalb problemlos möglich; hilfreich ist bei solchen Monster-Etappen die sehr zuverlässige Reichweitenanzeige.

Neu an der GT des Modelljahres 2017 ist eine Menge: Fahrwerks-Regelsystem Dynamic-ESA der jüngsten Generation, das serienmäßige Kurven-ABS, die optionale Integration einer Rückwärtsfahrhilfe – sie funktioniert bis sieben Grad Steigung – und der längst überfällige, ebenfalls optionale Schaltassistent sind allesamt hilfreich, weil sie den Fahrkomfort, aber auch die Fahrdynamik auf ein extrem hohes Niveau heben. Noch wichtiger erscheint aber, dass die zuvor lästigen Schläge aus dem Antriebsstrang nahezu eliminiert werden konnten. Freilich wirkt es beim Fahren so, als habe man hierfür nicht nur in die Mechanik, sondern auch in die Elektronik eingegriffen; immer wieder fühlt es sich so an, als gehe der Sechser „von sich aus“ ans Gas, um nur ja jeglichen Lastwechsel schon im Keim zu ersticken. Die Verwunderung des Fahrers über diese kleinen Eigenmächtigen des Triebwerks verliert sich freilich nach einigen hundert, spätestens tausend Kilometern.

Intelligenter Notruf

Ein Blick aufs Heck der K 1600 GT
Ein Blick aufs Heck der K 1600 GT © BMW

Ein zumindest bei Motorrädern noch neuartiges Detail stellt der intelligente Notruf dar, der für preiswerte 300 Euro zusätzlich bis August ausschließlich in der K 1600 GT eingebaut wurde; mit dem Modellwechsel zu den 2018er Versionen rüstet BMW weitere Motorradtypen mit diesem Sicherheitsplus für den Fall der Fälle aus. Den aktiven Test des Systems und damit die Kontrolle der Sicherheitskette bei einem Unfall haben wir uns freilich erspart.

Die Güte von Federung und Dämpfung, Bremsen, ABS-Regelung sowie der Aerodynamik und der mit damit einhergehende Wind- und Wetterschutz sind allesamt ein Genuss. Ebenso ausgeklügelt und im praktischen Betrieb makellos sind Bedienung und Ergonomie: Sitzkomfort wie auch die Anordnung von Schaltern und Hebeln sowie die Struktur des Bordcomputer-Menüs setzen Maßstäbe. Gefallen kann auch die deutlich verbesserte Ablesbarkeit des neuen Navigators 6, der seit kurzem bei den BMW-Händlern erhältlich ist; bei direkter Sonneneinstrahlung ist die Ablesbarkeit deutlich besser, aber noch nicht hundertprozentig. Dafür überzeugt die Integration des Geräts in die Bedienung des Gesamtfahrzeugs.

Auch der Preis ist eine Ansage

Kann man als Käufer mit der K 1600 GT wunschlos glücklich werden? Sagen wir mal: So gut wie. Denn die Kritikpunkte sind auf ein marginales Maß geschrumpft. Angesichts der Preisklasse und des Anspruchs von BMW an dieses Premium-Bike vermissen wir hinterleuchtete Lenkerschalter, wie es sie mittlerweile von mindestens zwei Herstellern gibt. Treu bleibt sich BMW auch bei seiner Aufpreispolitik; Mit Ausnahme des Dynamic ESA und des Kurven-ABS sind sämtliche technischen Neuerungen mit erklecklichen Mehrkosten verbunden. Dem Orderwillen der geneigten Kundschaft tut das offensichtlich keinen Abbruch. So sind 22.050 Euro bei dieser BMW tatsächlich kein Komplett-, sondern ein Ab-Preis.

Allerdings muss BMW sich fragen lassen, ob man’s mit der Preisgestaltung bei der GT nicht übertreibt: Denn selbst die sogenannten Basis-Farben Blackstorm metallic und Marsrot metallic kosten 155 Euro Aufpreis. Eigentlich ein starkes Stück, aber nicht in dem Sinne, den man dem fahrenden Motorrad zubilligt. Im problemlos erreichbaren Konfigurator-Preis von gut 26.000 Euro sind zudem nützliche Kleinigkeiten wie die hervorragend verarbeiteten Koffer-Innentaschen oder der wasserdichte Tankrucksack noch gar nicht enthalten. Wer will, kann neuerdings auch die 30.000er Marke leicht knacken; dafür gibt’s neue Optionen wie Schmiederäder, Sondersitze oder die Luxus-Lackierungen, bei denen bereits der Name teuer klingt. Sparkling Storm metallic mit Handbürstung beispielsweise verlangt eine Zuzahlung von 1.700 Euro; dafür spart man dann immerhin die sogenannte Basislackierung für 155 Euro. (SP-X)