13. Oktober 2011

Fahrbericht Sportliche Oberklasse Audi S8: Zwischen vier und acht Töpfen

Elegante kraftvolle Erscheinung: der neue Audi S8
Elegante kraftvolle Erscheinung: der neue Audi S8 © Audi

Sportlich und sparsam zugleich zu sein, ist der Anspruch des neuen Audi S8. Erst im kommenden Frühsommer wird er auf die Straßen rollen.




Von Martin Woldt

"Sehen Sie und probieren Sie, wie sich das anfühlt." Wörtlich genommen, ist die Einladung von Michael Dick, Audis Entwicklungschef, die Zylinderabschaltung im neuen Audi S8 unter die Lupe zunehmen, eine eher nutzlose Einladung. Denn von der Zylinderabschaltung, die einen guten Teil des erschlossenen Sparpotentials im sportlichen Oberklässler ausmachen soll, spüren, fühlen oder hören die Insassen eigentlich gar nichts.

Wenn sie die richtige Fahrerdisplayeinstellung gewählt haben, wird immerhin für den Piloten ab und zu ein nach rechts hüpfender grüner Farbbalken sichtbar. Er signalisiert, der Zweitonner ist gerade auf nur vier seiner acht Töpfe unterwegs.


Grüner Balken

Sein gemäßigter Ausschlag dokumentiert: Jetzt bedient sich das 520 PS/382 kW starke Aggregat in Maßen im Tank. Der Balken zuckt selten über einen Momentanverbrauchswert von zehn Litern. Was man von einem "Vierzylinder" im Rahmen der guten Sitten auch erwarten würde. Bei voller Zylinderzahl aber hechtet der Balken schon bei leichtem Pedalkontakt hastig über die 20-Liter-Marke, als sei er nicht aufzuhalten.

Dennoch, man kann dieses V8-Kraftpaket durchaus sparsam fahren. 10, 2 Liter bescheinigen die Prüfstandwerte im Fahrzyklus dem Hersteller. Und tatsächlich, wenn man den 4.0 TFSI rollen oder gleiten lässt, wenn man bevorzugt auf leicht abschüssiger Strecke die Hälfte der Zylinder in die Pause schickt, dann ist sogar noch ein bisschen weniger drin. Minus 23 Prozent, also ein um ein ordentliches Viertel weniger Verbrauch - verglichen mit dem Vorgänger -, wollen die Audi-Entwickler herausgeholt haben. Doch das wird nur derjenige erleben, der das Gaspedal zu streicheln sowie dem 520-PS-Turbosound und Beschleunigungswerten von 4,2 Sekunden (null auf 100 km/h) zu widerstehen weiß. Ist das aber – ob mit oder ohne Zylinderabschaltung – eine so unerwartet neuartige Erkenntnis?

Abschalten unter Bedingungen

Grüner Balken zeigt 4-Zylinder-Modus an
Grüner Balken zeigt 4-Zylinder-Modus an © Audi

Etwa ein Viertel des gehobenen Spritsparpotenzials verantwortet die Zylinderabschaltung. Andere Beiträge kommen aus der Aluminium-Leichtbaukarosse, der Reibungsverminderung im Motor, dem Start-Stopp-System, dem Thermomanagement oder dem aerodynamischem Feinschliff an der Karosse. Audi zählt neben Mercedes und Lexus zu den Pionieren der auch "Cylinder-on-Demand" genannten Technik. Diese Bezeichnung ist etwas irreführend, weil sie nahelegt, der Fahrer könnte eine bewusste Entscheidung treffen, wann er mit vier oder mehr Zylinder unterwegs ist. Tatsächlich macht das völlig eigenständig die Bordelektronik.

Denn das Abschalten ist von einigen Faktoren abhängig. Das Kühlmittel muss wärmer als 30 Grad, mindestens der dritte im Achtgang-Automatikgetriebe eingelegt sein. Der Drehmomentaufbau (Maximum 650 Newtonmeter) muss sich zwischen 25 und 35 Prozent bewegen, die Drehzahl zwischen 960 und 3500 Touren.

Akustischer Ausgleich

5,15 Meter ist der S8 lang
5,15 Meter ist der S8 lang © Audi

Und weil das ein komplexes, willentlich schwer steuerbares Voraussetzungsgefüge bildet, lässt Audi den Fahrer daran nur über den grünen Pfeil in der Anzeige teilhaben. Selbst die akustischen Unterschiede zwischen vier und acht Zylinder werden mittels Gegenschall (Active noise control) über die Türlautsprecher völlig eingeebnet. Das klingt komfortabel und souverän, hat aber bis auf den grünen Balken leider keinen Erlebniswert. Darf man doch selbst S8-Fahrern unterstellen, dass sie nunmehr wie die Marketingstrategen gern an die Doppelbedeutung des "S" vor der Acht glauben wollen: Sport und Sparsamkeit.

Tiefer und noch tiefer

Wuchtige Mittelkonsole
Wuchtige Mittelkonsole © Audi

Im Fahrwerk der 5, 15 Meter langen Karosse werden die Ungleichgewichte von arbeitenden und pausierenden Kolben über magnetische Lager, die mal härter, mal weniger hat zugreifen ausgeglichen. Der Motor bullert nur bei forschem Bleifuß und hält sich sonst souverän im Hintergrund. Der S8 liegt ohnehin einen Zentimeter tiefer als ein A8 über der Straße. Kann sich bei rasanter Autobahnfahrt aber weitere zehn Millimeter vor dem Gegenwind zusammenkauern. Eigene Dämpferabstimmungen geben ihm die sportlich straffere Note. Und dennoch werden sich gerade Passagiere im elegant ausgelegten Fond dank Luftfederung, die unterschiedlich eingestellt werden kann, keine Steißbeinsorgen machen müssen.

Sechsstelliger Einstiegspreis

Die Bedienung des neuen S8 ist ein gelungener Balanceakt zwischen sportlichem Anspruch und umfassendem Komfort. Ein griffiges Lederlenkrad neben einer wuchtigen mit Leder, Holz und Chrom abgesetzten Mittelkonsole signalisiert die Kraft. Etliche Fahrerassistenten, unter denen die kamerabasierte Einparkhilfe aus dem Draufblick oder die nächtliche Fußgängererkennung herausstechen, künden vom technischen Anspruch. Denn natürlich sind wir hier an der Spitze der automobilen Oberliga, die sechstellige Einstiegspreise als Selbstverständlichkeiten behandelt. 111.900 Euro sind denn auch nur das untere Ende der Fahnenstange. Mehr verrät Audi, wenn der neue S8 im Frühsommer nächsten Jahres der Käuflichkeit anheimfällt.






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