25. November 2014

Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg «Wir verfolgen einen anderen Ansatz als Google»

Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg neben dem RS7. Fotos ▶
Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg neben dem RS7. © Audi

Audi hat einen RS7 autonom über den Hockenheim rasen lassen. Im Interview mit der Autogazette spricht Entwicklungs-Vorstand Ulrich Hackenberg über Google, gesetzliche Regelungen und Herausforderungen auf dem Weg zum pilotieren Fahren.




Audi hat vor über einen Monat einen RS7 ohne Fahrer in knapp über zwei Minuten am Rande des Finales der Deutschen Tourenwagen Masters (DTM) spektakulär über den Hockenheim rasen lassen. Damit hätte man wieder einmal seine Kompetenz bei der Entwicklung des pilotierten Fahrens unter Beweis gestellt, sagte Audi-Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg im Interview mit der Autogazette. «Zudem entwickeln wir längst die Technologien unter Realbedingungen und verfügen bereits mit dem so genannten zentralen Fahrerassistenzsystem über das Serien-Steuergerät für die Funktionen des pilotierten Fahrens», sagte der Manager.


Staupilot in der Entwicklung

Wie Hackenberg hinzufügte, würden die «kommenden Serienmodelle wie der nächste A4 und besonders die neue Generation des Q7» über eine «ganze Reihe neuer Assistenzsysteme» verfügen. «Die ersten Lösungen zum pilotierten Fahren kommen dann mit dem nächsten Audi A8.» Als Basis für die Systeme zum pilotierte Fahren würde man sein bereits heute vorhandenes große Angebot an Assistenzsystem nutzen. «Daraus entwickeln wir den Staupiloten, der den Fahrer im zähflüssigen Verkehr bis zu einer gewissen Geschwindigkeit die Fahraufgabe abnimmt. Darauf folgen weitere Systeme, die immer komplexere Situationen beherrschen.»

«Kompetenz immer wieder unter Beweis gestellt»

Der Audi RS7 fuhr ohne Fahrer über den Hockheimring
Der Audi RS7 fuhr ohne Fahrer über den Hockheimring © Audi

Autogazette: Herr Hackenberg, Google-Chef Sergey Brin ließ unlängst wissen, dass man einen Produktionspartner für sein autonom fahrendes Auto sucht. Haben Sie ihn schon angerufen?

Ulrich Hackenberg: Wir verfolgen die Aktivitäten von Google auf diesem Gebiet mit großem Interesse. Aber beim pilotierten Fahren, wie wir es nennen, gehen wir unseren eigenen Weg.

Autogazette: Google hat kürzlich sein autonom fahrendes Auto vorgestellt, das ohne Brems- und Gaspedal auskommt. Ist der IT-Gigant mit der Technologie seines Fahrzeugs bereits weiter als die Autobauer?

Hackenberg: Wir verfolgen einen anderen Ansatz als Google. Bei Audi steht das Fahrerlebnis, die Fahrsicherheit und die optimale Unterstützung des Fahrers im Vordergrund. Bei Über- oder Unterforderung, zum Beispiel im Stop-and-Go-Verkehr, kann das Auto künftig die Fahraufgabe übernehmen. Situationsabhängig übergibt das Auto auch umgekehrt an den Fahrer. Der Übergabezeitraum beträgt allerdings bis zu zehn Sekunden, in dem das Fahrzeug vollautonom fahren muss. Das erfordert eine umfassende und robuste Absicherung des gesamten Systems. Unsere Kompetenz bei der Entwicklung des pilotierten Fahrens haben wir immer wieder unter Beweis gestellt. Zuletzt mit dem Audi RS 7 piloted driving concept, der fahrerlos am absoluten Limit die Rennstrecken in Hockenheim und Oschersleben umrundet hat. Zudem entwickeln wir längst die Technologien unter Realbedingungen und verfügen bereits mit dem so genannten zentralen Fahrerassistenzsystem über das Serien-Steuergerät für die Funktionen des pilotierten Fahrens.

Autogazette: Kann Google wichtige Dinge besser?

Hackenberg: Was wir bei Audi wirklich gut beherrschen, ist die Entwicklung des komplexen Systems Auto. Google hat die Kompetenzen auf anderen Gebieten, die wir uns durch eine erfolgreiche Zusammenarbeit seit übrigens bereits mehr als zehn Jahren zunutze machen.

«Lösungen zum pilotierten Fahren mit nächstem Audi A8»

Autogazette: Wie müssen wir uns im Jahr 2020 das Autofahren in einem Audi vorstellen – bereits autonom?

Hackenberg: Wir haben eine Roadmap definiert, die aus vielen Einzelschritten beim pilotierten Fahren besteht. Im Jahr 2020 werden einige davon Wirklichkeit sein. Dass heißt, das Auto kann in zahlreichen Verkehrssituationen die Fahraufgabe übernehmen, wenn der Fahrer es wünscht.

Autogazette: Anders gefragt: Wann sind Sie in der Lage, ihren Kunden ein autonom fahrendes Auto anzubieten?

Hackenberg: Das ist eine Frage der Gesetzgebung. Wir arbeiten eng und gut mit den Behörden hierzulande und international zusammen und aufgrund des Sicherheitsgewinns durch die neuen Systeme bin ich zuversichtlich, dass die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Unsere kommenden Serienmodelle wie der nächste A4 und besonders die neue Generation des Q7 werden eine ganze Reihe neuer Assistenzsysteme enthalten. Die ersten Lösungen zum pilotierten Fahren kommen dann mit dem nächsten Audi A8.



Autogazette: Welche Teil-Schritte hin zum autonom fahrenden Auto werden wir bis dahin erleben?

Hackenberg: Als Basis für die Systeme zum pilotierten Fahren nutzen wir unser heute schon sehr großes Angebot an Assistenzsystemen. Daraus entwickeln wir den Staupiloten, der den Fahrer im zähflüssigen Verkehr bis zu einer gewissen Geschwindigkeit die Fahraufgabe abnimmt. Darauf folgen weitere Systeme, die immer komplexere Situationen beherrschen.

Autogazette: Wo liegt für die Hersteller das größte Problem auf dem Weg zum autonomen Fahren? Ist es technischer oder gesetzlicher Art?

Hackenberg: Wir müssen Herausforderungen in der Fahrzeugtechnik, in der Infrastruktur und im Bereich der Regulierung gleichzeitig angehen. Dazu bin ich sehr zuversichtlich, weil wir auf allen Feldern große Fortschritte verzeichnen. Rechtlich gesehen zeigen sich einige Bundesstaaten der USA sehr innovativ. Audi hat 2013 und 2014 jeweils als erster Autohersteller weltweit die Zulassung zum Testen der Systeme zum pilotierten Fahren in Nevada, Florida und Kalifornien erhalten. Und technisch gesehen geht es nun darum, komplexe Verkehrssituationen und die Besonderheiten in den verschiedenen Regionen dieser Welt eindeutig zu beherrschen.

«Unser Nachtsichtsystem kann Fußgänger erkennen»

Der Nachtsichtassistent erkennt Fußgänger und Wild
Der Nachtsichtassistent erkennt Fußgänger und Wild © Audi

Autogazette: Was bereitet den Sensoren bzw. Radarsystemen im Auto derzeit die größten Probleme?

Hackenberg: Das Verkehrsverhalten in den verschiedenen Regionen unterscheidet sich sehr stark, demzufolge gibt es eine extrem große Bandbreite an Möglichkeiten und Risiken. Diese zuverlässig unter allen Witterungsbedingungen zu erkennen und korrekt zu interpretieren, ist die aktuell größte Herausforderung. Um die dabei entstehenden großen Datenmengen zu verarbeiten, haben wir ein Hochleistungs-Steuergerät entwickelt. Das so genannte zentrale Fahrerassistenzsystem (zFAS) ist nur so groß wie ein Tablet, verfügt aber über die Rechenleistung, die in einem kompletten Audi A4 steckt.

Autogazette: Können die Systeme beispielsweise Fußgänger am Straßenrand sicher erkennen, die sich auf dem Bürgersteig einen Schritt Richtung Fahrbahn nähern?

Hackenberg: Unser Nachtsichtsystem kann heute schon Fußgänger oder auch Wild erkennen. In kritischen Situationen blinkt es die Gefahrenquellen mehrfach an und macht den Fahrer somit darauf aufmerksam. Da sich Fußgänger und Radfahrer oft sehr spontan verhalten, gehören sie beim pilotierten Fahren jedoch zu den größten Herausforderungen – speziell im Stadtverkehr.

Autogazette: Derzeit agieren GPS-Daten noch mit Abweichungen von einigen Metern, ebenso ist Kartenmaterial noch nicht hundertprozentig präzise. Sind das Hemmnisse auf dem Weg zum autonomen Fahren?

Hackenberg: Das Kartenmaterial wird immer genauer, in Kürze verfügen wir beispielsweise über Karten, die Höhenprofile enthalten. Dadurch können wir den Kunden beim effizienten Fahren unterstützen. Zum Beispiel, wenn nach einer Steigung ein Tempolimit folgt, kann der so genannte prädiktive Effizienzassistent den Fahrer vorab darüber informieren, sodass er nicht unnötig stark beschleunigt. Darüber hinaus erforschen wir vielversprechende Möglichkeiten, um mit Hilfe von beispielsweise Infrastrukturmerkmalen eine deutlich genauere Positionierung zu erreichen.

«Mit neuem Passus absolut auf richtigem Weg»

Ein pilotiert fahrende Audi A7
Ein pilotiert fahrende Audi A7 © Audi

Autogazette: Glauben Sie, dass beim Kunden bereits die Akzeptanz besteht, mit einem voll autonom fahrenden Fahrzeug unterwegs zu sein?

Hackenberg: Mit jeder positiven Erfahrung wächst das Vertrauen, das ist bei Assistenzsystemen schon immer so gewesen und so wird es auch beim pilotierten Fahren sein. Auch deswegen bevorzugen wir die schrittweise Einführung der neuen Systeme. Unsere Philosophie dabei ist, dass sich der Kunde in unangenehmen Situationen unterstützen lassen, zum Beispiel durch Parkpilot- oder Staupilotsysteme. Und wenn er den Audi typischen Fahrspaß erleben will, dann wird ihm das jederzeit möglich sein.

Autogazette: Das Wiener Übereinkommen für den Straßenverkehr ist modifiziert worden. Es besagt, dass autonome Fahrsysteme statthaft sind, wenn sie jederzeit durch den Fahrer gestoppt werden können. Reicht das als gesetzlicher Rahmen für autonomes Fahren bereits aus?

Hackenberg: Mit dem neuen Passus sind wir absolut auf dem richtigen Weg.

Autogazette: Wie schnell muss diese Neuregelung nun in die nationale Gesetzgebung gebracht werden, damit Sie auf dem Weg zum Autopiloten nicht doch noch ausgebremst werden?

Hackenberg: Natürlich wünschen wir uns von der Politik, dass sie unser Entwicklungstempo mitgeht. Wir diskutieren mit den Entscheidungsträgern, um sie von den technischen Möglichkeiten zu überzeugen. Der Sicherheitsgewinn, den die neuen Systeme mit sich bringen können, ist hier das stärkste Argument.

Autogazette:In den USA ist autonomes Fahren bereits heute beispielsweise in Nevada möglich. Wird autonomes Fahren zunächst in den USA stattfinden, weil bei uns die gesetzlichen Regelungen noch nicht reichen?

Hackenberg: Einige Bundesstaaten in den USA übernehmen die Vorreiterrolle und holen damit natürlich auch einige Entwicklungsaktivitäten zu sich. Mit unserem Forschungsstandort, dem Electronic Research Lab (ERL) in Belmont sind wir übrigens schon seit Jahren in direkter Nähe zum Silicon Valley und der Stanford University angesiedelt.

«Zunächst wird Verantwortung beim Fahrer liegen»

Das Auto lenkt, nicht mehr der Fahrer
Das Auto lenkt, nicht mehr der Fahrer © Audi

Autogazette: Für den Fall eines möglichen Unfalls in einem autonom fahrenden Auto müssen sich die Hersteller mit Blick auf die Produkthaftung absichern. Wie soll das funktionieren, mit einer Blackbox?

Hackenberg: Hier sind wir als Hersteller verpflichtet, die dann geltenden gesetzlichen Anforderungen einzuhalten und werden diese zu gegebener Zeit auch umsetzen. Zunächst wird die Verantwortung aber definitiv beim Fahrer liegen. Genau wie bei einem Autopilot im Flugzeug, bei dem die Verantwortung ebenfalls bei den Piloten liegt.

Autogazette: Bedeutet das nicht, dass wir auf dem Weg zum gläsernen Autofahrer sind?

Hackenberg: Es liegt in der Natur der Sache, dass bei der immer stärkeren Vernetzung auch immer größere, teils kundenbezogene Datenmengen anfallen. Diese kann man nutzen, um den Kunden individuelle Dienste anzubieten. Aber natürlich nur, wenn er es will. Selbstverständlich bleibt der Kunde der Herr seiner Daten, der verantwortungsvolle Umgang damit und vorbildlicher Datenschutz ist für uns oberstes Gebot.

Autogazette: Datenschutz spielt für die Kunden eine immer stärkere Rolle. Wie wollen Sie diesem Anspruch gerecht werden, wenn Sie das Auto zu einem fahrenden Computer machen, der Tausende von Daten sammelt und speichert?

Hackenberg: Wie gesagt, wir gehen heute schon hochsensibel mit Kundendaten um und werden das auch in Zukunft so handhaben.

«Hier müssen Grundlagen durch Gesetzgeber geregelt sein»

Adaptive Geschwindigkeitskontrolle bei Audi
Adaptive Geschwindigkeitskontrolle bei Audi © Audi

Autogazette: Welche versicherungsrechtlichen Fragen müssen auf dem Weg zum autonomen Fahren geklärt werden? Bedarf es beispielsweise höherer Deckungssummen?

Hackenberg: Hier müssen die Grundlagen durch den Gesetzgeber geregelt sein. Versicherer gehen davon aus, dass die Halterhaftung weiter eine gute Grundlage darstellt.

Autogazette: Wenn Sie ans autonome Fahren in den Innenstädten denken, wird es sich dann zunächst in speziellen Sicherheitszonen vollziehen, die mit Ihrer Infrastruktur darauf vorbereitet sind?

Hackenberg: Die Technologie wird sich sowohl im Auto also auch in der Infrastruktur schrittweise durchsetzen. Somit werden wir einen Entwicklungstrend hin zur Beherrschung immer komplexeren Situationen erleben. Verkehrssituationen in Innenstädte stellen dabei die größten Herausforderungen dar.

Autogazette: Welche Auswirkungen wird die Mobilität der Zukunft auf die Infrastruktur bzw. das Erscheinungsbild der Innenstädte haben?

Hackenberg: Wir haben schon 2010 im Unternehmen ein Kreativteam gegründet, das sich mit der urbanen Mobilität der Zukunft offen und interdisziplinär auseinandersetzt. Es heißt Audi urban future initiative, kurz AUFI, und beschäftigt sich gemeinsam mit Architekten, Städteforschern, Soziologen und Entwicklern mit zahlreichen Themen, darunter auch mit dem pilotierten Fahren in den Städten.

Die Fragen an Ulrich Hackenberg stellte Frank Mertens



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